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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§63. Heinrich von Melk. 191

meinschaft mit diesem Leiden, er selbst steht außerhalb dieser Gesellschaft.Sein einziger Zweck ist, Abscheu vor der Sünde und Furcht vor der Strafezu erwecken. Er ist ein gewaltiger Prediger gegen die Sünde und für dieAskese, einer der furchtbarsten unseres deutschen Mittelalters, er ist einMeister der Strafpredigt, er besitzt in höchstem Maße die Kunst, durch dieWorte zu erschüttern, starke Erregungen hervorzurufen (movere, flectere).Ihm steht eine lange Stufenfolge von Wirkungsmitteln zur Verfügung, diesich steigern von der Ironie über die Schwächlinge, dem Spott auf die Er-bärmlichkeit des Menschendaseins zum Hohn, der wie Schadenfreude sichanhört, wenn er den jähen Glückswandel des Reichen zergliedert, und zuleidenschaftlichem Zorn auf die Gemeinheit und Schlechtigkeit. 1 )

Und leidenschaftlich wie der Mensch ist seine Sprache, 2 ) lebhaft undbewegt, immer sollen die Zuhörer in Atem gehalten werden, daher er sichoft unmittelbar, an das Publikum oder an die Angegriffenen wendet. Dazudienen: Ausrufe, besonders mit owe, z. B. Owe artniu phaffhäite (Erinn. 35),owe dirre clägliche sterbe (Erinn. 636), oder Armer Mensch, brceder läitn(Erinn. 483); rhetorische Fragen an die Zuhörer oder Leser, Antworten, dieden Hörern oder Lesern in den Mund gelegt werden, Anreden an dieseoder an den Menschen überhaupt, z. B. Nu gedench aber mensch dlnestödes (Erinn. 455); Aufmerksammachung auf das Folgende, z. B. noch hcereteinen andern sturmschal (Erinn. 264). Daneben finden sich natürlich auch dietraditionellen Formeln der Wahrheitsbeteuerung oder Berufungen auf die Quelle.

Neben der Lebendigkeit ist die Anschaulichkeit eine zweite Bedingungder Bußpredigt. Dem Redner verleiht die eigene innere Erregung unwill-kürlich eine Steigerung des sprachlichen Vermögens, die Gedanken nehmendem volkstümlichen Zweck entsprechend konkrete Gestalt an, die Ausdrucks-weise wird metaphorisch, z. B. diu triwe ist gärlich erslagen (Erinn. 272),müzzechäit unt muo singent nicht eine wise (Priesterl. 230 f.); die einfacheVersinnlichung kann dann auch zu Bildern oder Vergleichen erweitert werden.Noch eindrucksvoller wird der Ton durch Hereintragung des wirklichenLebens. Der Priester, der Geld verdient durch Nachlaß von Sünden, führtRechnung über diese Einkünfte; er nimmt eine Feder und ein Büchlein undschreibt seinem Weib eine Pergamenturkunde (buochvef), das istdas Haupt-

') Der Dichter setzt das ideale gottgefälligeLeben voraus und stellt ihm die Wirklichkeitgegenüber. Er istvon dem Ideale lebhaftdurchdrungen" und willglühenden Unwillengegen moralische Verkehrtheit erzeugen": dasist die Art der Satire, wie sie Schiller inseiner Abhandlung Ueber naive und senti-mentalische Dichtkunst bestimmt, und mitRecht nennt daher Scherer Heinrich vonMelk den ersten deutschen Satiriker, dessenNamen wir kennen laaO. S. 64); er legt ihmnoch bestimmter die BezeichnungJuvenalder Ritterzeit" bei, was insofern zutreffendist, als der Dichter die Gebrechen als Laster

zornig straft und nicht, wie Horaz, als lächer-liche Verkehrtheiten menschlich begreift.Eine engere Gleichstellung aber des m.alterl.mit dem antiken Autor würde auf Abwegeführen, vgl. Kochendörffer S. 310 f.

2 ) Ueber Heinrichs Stil s. Heinzel S. 13.1214; Rödiger S. 311324; Kochen-dörffer S. 200. 311 ff.; Lorenz S. 71 ff.;Baunack, ZfdA. 57, 85 ff.,- Paul Köhler,Der zusammengesetzte Satz in den GedichtenH.s v. M. und in des arm. Hartmann Redev. Gl., I. Teil, Die Temporalsätze, BerlinerDiss. 1895.