190 A. Geistliche Literatur, d) Die Heilsmittel.
ihn an: gebläht ist sein Leib wie ein Segel, übel fährt Geruch und Dunstaus dem Leichentuch" (Erinn. 597 ff.). Und noch Schauderhafteres bekommtder edle und reiche Jüngling zu schauen, wenn er den Stein vom Grabeseines Vaters lüftet (Erinn. 663 ff.). 1 )
Alles ist hier Sünde, und alle Sünde kommt aus der Weltlust. Schön-heit und Schmuck des Lebens, die feine, rücksichtsvolle und freundlicheBildung des Rittertums, sie ist Eitelkeit und Hoffart, nichts als vergänglicherSchein. Arme und Reiche, Pfaffen und Bauern, Kaufleute, Edeldamen undRitter (Erinn. 420 ff.) sind allzumal Sünder; der Sohn trachtet nach demBesitz des Vaters (Erinn. 274 ff.), undankbar ist er und bekümmert sich nichtum dessen Wohl (Erinn. 867 ff.); keine Treue und Ehre gibt es zwischenHerrn und Knecht (Erinn. 286 ff.). Die Welt ist das ärgste Elend. Darum „Ge-denke des Todes". Der Schluß aller menschlichen Weisheit istmemento mori.
Und doch, völlig gleichgültig gegen die Meinung der Menschen ist auchdieser Eiferer nicht. Zweimal bittet er, man möge ihm nicht zürnen, daßer die Wahrheit sage (Erinn. 438 ff., Priesterl. 641 ff.). Er verschweigt auchnicht, daß es rechtschaffene Priester gibt (Priesterl. 516 ff.). Und auch aufdie Frauenverehrung nimmt er Rücksicht: obgleich er das Leben der Damenwie das der Ritter got widerwertic nennt (Erinn. 291, vgl. auch 427—429),so will er doch nichts Übles von ihnen sagen (Erinn. 341, s. auch 318),um sofort den armen Weibern eine Scheltrede zu halten.
Beide Gedichte sind Strafreden, Bußreden. 2 ) So wie Heinrich habenviele im Mittelalter das moralische Gewissen der Menschen aufgerüttelt,gewiß nicht alle mit der gleichen gewaltigen Beredsamkeit. Er hat dochnur die herrschenden Ideen ausgesprochen. Sie gipfeln im Mönchtum. Diesesist die höchste Form des christlichen Lebens, die Verwirklichung von AugustinsGottesstaat, und das Ziel ist: „in dieser Welt tot sein" (Erinn. 194). Dasist die Askese, und sie wird gefordert auch vom Weltklerus und selbst denLaien zur Nacheiferung empfohlen. Dann ist das Ideal, das gottgefälligeLeben, überall in der Menschheit erreicht. In Wirklichkeit aber herrscht derAbfall von Gott: omnes decllnaverunt Ps. 13, 3. 52, 4 (Erinn. 12—15).Dieses wirkliche, das abgefallene Leben stellt der Dichter dar, so wie esist, d. h. er spricht die wärhäit (Erinn. 439, Priesterl. 645).
Ein Bußprediger ist Heinrich, ein schonungsloser Fanatiker, der die Sündein den innersten Schlupfwinkel verfolgt und der auch nur die Sünde imMenschen sehen will. Er hat nur kalte Bitterkeit, nirgends Milde undVerzeihung, und keine schmerzliche Regung über das Sündenunglück läßter vernehmen, in dem die Menschheit versunken ist; er hat keine Ge-
*) Mit diesen düsteren Bildern vom Ver- j 2 ) Leichenpredigten s. LecoyS. 222; Cruel
fall des Fleisches gerät das Gedicht in den S. 237; Linsenmayer, Reg. S. 488. Lat. Straf-
Bereich der Visionen von der Zukunft des gedichte der Carmina Burana: Schmeller
Leibes und der Seele. Vgl. auch besonders Nr. 17. 64. 68a. 71. 72. 73. 73a. 86. 93. 170.
Hartmanns Rede vom Glauben 2370 ff. 171. 171a. 192. 199.2512 ff.