§ 63. Heinrich von Melk. 189
Meßopfer 250—436. Es fordert reine Hände; das Opfer selbst wird nicht unrein, wenn esauch von unreinen Händen gereicht wird. — d) Beispiele aus der Bibel 437—515: Danielund die unkeuschen jüdischen Priester 437—486; die drei Arten der Seligwerdenden:Noe — die die Kirche lenkenden (guten) Geistlichen, Daniel — die Enthaltsamen, Job —die Ehelichen, diesen gegenüber die Hurer 487—515. — e) Das rechte Priesterleben 516—562.— f) Unkeuschheit und Simonie 563—618. — g) Die geistliche Obrigkeit und die Priester619—642 (die Priester sollen keine weltliche Arbeit treiben, der Feldbau soll ihnen ver-boten werden). — h) Gegen die Pfaffendirnen 643—746.
Die Hauptzüge des Stoffes sind nach einem bestimmten Plane geordnet,aber innerhalb der engeren Teile bewegen sich die Gedanken ziemlich frei,bisweilen willkürlich. Infolge davon kommen mehrfach Wiederholungen voroder es sind gewisse bevorzugte Motive besonders weit ausgesponnen. Inder Darstellungsweis^e wechseln gegenständliche Partien, wie Erörterungender bösen Zustände, der sündigen Handlungen, der Strafen, mit paränetischenPartien, wie Ermahnungen, Warnungen, Klagen und Anklagen. Während daszweite Gedicht, das Priesterleben, nur von den Priestern spricht, greiftdas erste weiter und erstreckt sich über Priester und Laien, über Lebenund Tod.
Schonungslos enthüllt Heinrich die Gebrechen der Bevorrechteten, diedem Volk als höhere Wesen gelten mußten. Hoffart und Habsucht (superbiaund avaritia) sind die Hauptlaster der Ritter, die Priester sündigen in Un-zucht, Schlemmerei und Habgier (luxuria, gula, avaritia), die Mönche durchKlostersünden, die in der Mönchsregel (Benediktinerregel Kap. 4) gerügtsind. Aber nicht nur durch Brandmarkung der Laster, sondern viel wirk-samer durch das Schreckgespenst des Todes 1 ) und der Verdammnis mahnter die hoffärtigen und geilen Sünder zur Bekehrung: „Gedenke, Mensch,deines Todes, gedenke der Worte Hiobs 'kurz sind meine Tage, mein Lebenist wie der Wind, wie ein Wasser, das dahin streicht'; gedenke deines Schöpfersin der Jugend, ehe dein Staub wieder zur Erde wird" (Erinn. 455 ff.). —„Armer Mensch, du brüchiger Lehmklotz, mit Schmerzen und Wehschreienhat dich die Mutter geboren zu großem Leiden, nackt und ohne Hemd bistdu zur Welt gekommen, zur Armseligkeit bestimmt. Mit Schrecken ist derMensch geboren, mit Schrecken muß er zergehen" (Erinn. 485 ff.). — Dasganze Leben ist eine fortgesetzte Sorge (Erinn. 511 ff.), der Leib ein Opferaller möglichen Krankheiten und Verstümmelungen (Erinn. 544 ff.). — „Trittan die Bahre des Gatten, du edle Frau, betrachte ihn genau, deinen liebenMann, sieh, ob er noch so fröhlich mit den Augen gegen dir zwinkert!Wo sind seine müßigen Reden, mit denen er der Hoffart der Frauenschmeichelte? Sieh, wie die Zunge in seinem Munde liegt, die so wohl-gefällige Liebeslieder sang! Wo ist sein Kinn mit dem wohlgepflegten Bart?Wie liegen die Hände kläglich, mit denen er dich liebkoste und umfing!Wo sind die Füße, die so höfisch mit den Frauen einherschritten? Schau
: ) Siehe oben S. 185 Memento mori; Freybe, Das Memento mori S. 205—210; El. Peters"S. 137 ff.; Burdach, Ackermann S. 310.