§ 62. Memento mori.
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Inhalt. 1 ) Der Grundgedanke ist: Wir müssen alle einmal von dieser Welt fahren,darum sollen wir immer bereit sein und dementsprechend leben. I. Str. 1—6 die Nichtig-keit der Welt. So schnell vergeht der Mensch, wie ein Schlag der Augenwimper. —II. Str. 7—15 die Gebote des Lebens: Nächstenliebe (Str. 7. 8); das Recht: ihr habt zweierleiRecht, das eine für euch, das andere für die Armen (Str. 9. 10. 11). Glücklich ist der fürdie lange Fahrt vorsorgt, daß er bereit ist, wenn der Todesbote kommt (Str. 12. 13). Diegute Anwendung des Reichtums (Str. 14. 15). — III. Str. 16—18 Gleichnis von einemWanderer, der unter einem Baum einschläft und seinen Weg versäumt: der Mensch, dersich zu lange in der Welt aufhält (Str. 16. 17). Anklage der Welt: Ja du vil ubeler mundus, wiebetriugist tu uns sus\ (Str. 18). — IV. Schluß: Trohtin, chunic here, nobis misererei (Str. 19).
Das Gedicht ist eine Ansprache, die ein Mönch an Laien hält (wib un.deman 1, 1), eine Bußpredigt, wie des Heinrich von Melk Erinnerung an denTod, über die Weltminne 2 ) im Geist der cluniacensischen Askese. Über-einstimmend damit geht ein sozialer Zug durch mit der Richtung gegen die,die das Weltglück besitzen, gegen die Reichen: alle Menschen stammenvon einem Mann ab (Str. 7. 8); die Armen werden in Schutz genommengegen die, die das Recht ungerecht auslegen 3 ) (Str. 10. 11); die Reichensollen ihren Besitz zu guten Werken verwenden (Str. 14. 15). Ermahnt wirdmit diesen drei Punkten zur Nächstenliebe, zur Gerechtigkeit und zu denguten Werken, also gerade zu solchen gemeinfördernden Aufgaben, die inder sozialen Tendenz begründet sind. Damit gehen diese priesterlichenLehren nicht auf in selbstquälerischer Weltflucht, sondern sie spornen an zupraktischer Lebensgestaltung. Diese Richtung aufs Handeln ist begründetdarin, daß die Predigt für Leute bestimmt ist, die im wirklichen Lebenstehen, und nicht für weltabgesonderte Mönche. Das Publikum also, das derRedner im Auge hat, besteht hauptsächlich aus reichen, angesehenen Leuten.Schon die gereimte Form erhebt die Predigt über das Gewöhnliche undverleiht ihr einen vornehmen Anstrich.
Die Sprache ist äußerst einfach und ohne stilistischen Schmuck, keinezweigliedrigen Formeln werden angewendet, keine Epitheta. Der Bau in
hervorhebende Bedeutung, gleich „jener be-kannte, berühmte", wofür im DWB. 3, 132 f.mhd. Beispiele angegeben sind (dazu auch:Die vursten lobeten dö geliche ainen Hain-richen Kaiserchron. 1614^ f.; Walther v.d. Vogelweide 82, 18 einen wunderlichenGirhart Atzen ; Uhland, Volkslieder Nr. 74 BStr. 30 (S. 151) Und wer ist der uns dasliedlein sang? ein Adelger ist ers genant.Lieber das auszeichnende ein' s. außerdemHildebrand, Vom deutschen Sprachunter-richt S 230—232; Braune, Beitr. 11,518-527.12, 393-395. 13, 586 f. Der Sinn ist dann:das machte alles jener berühmte Notker, unddamit wäre das Gedicht von dem Verfasserdieser letzten beiden Zeilen dem NotkerLabeo zugeschrieben, allerdings zu Unrecht(SCHERER aaO.). Der Inhalt des Gedichtespaßt zu dem der Hs., in welche es ein-getragen ist, zu Gregors Kommeniar Moraliain Job, der von der Nichtigkeit der Welt
handelt. Notker hatte diese ins Deutsche(LG. I, 439) übersetzt, vielleicht mag eine Er-innerung an dieses Werk Notkers bei demSchreiber des Zusatzes mitgespielt haben. —Der Wunsch des immerwährenden Frohseinsbezieht sich auf die ewigen Freuden desHimmelreichs.
') Genaue Inhaltsangabe bei SchererS. 427—430.
2 ) Bamberger Glaube u. Beichte, MSD. 1 3 ,304Z. 194. De contemptu mundi, Kelle 2,31.260.
3 ) Dasselbe Eintreten für die Handhabungdes Rechts wie im Muspilli 68—72 (LG. I,146) und in dem Gedicht vom Rechte(Scherer, ZfdA 24, 448 f.). Die Predigt ge-hört zu den sermones ad Status (Lecoydela Marche S. 207. 276 f.; Linsenmayer, Reg.S. 489), den an gewisse Stände gerichteten,vgl. Honorius Aug. Spec. eccl.Sermo generalis:Ad judices, ad divites (Migne 172, 863 f.;Kraus, „Vom Rechte" S. 57 f.).