§ 60. Upsalaer gereimte Beichte. § 61. Die (prosaische) Rheinauer Sündenklage. 183
Im Lebensbild des Apostels Paulus traten dem Mittelalter zwei Er-eignisse von besonderer Wichtigkeit entgegen, die zu legendarischen Haupt-zügen wurden: seine Bekehrung und seine Vision 1 ) (Conversio S.Pauli undVisio S. Pauli). Die Bekehrung des Paulus ist ein Symbol der Buße, für dieHerstellung des richtigen Verhältnisses zwischen Mensch und Gott; die Visionaber, das Gesicht der jenseitigen Dinge, öffnet dem Menschen den Blick aufseine Zukunft in der Ewigkeit. Mit Sünde und Buße, mit der Ausmalung derhöllischen Qualen und der himmlischen Freuden, beschäftigt sich geradevornehmlich die Phantasie dieses mönchischen Geschlechtes, und so liegenin der Conversio und der Visio S. Pauli die beiden Pole des Menschen-geschickes inbegriffen: hier die Sünde, dort die Strafe, hier die Buße, dortdie Seligkeit.
§ 60. Upsalaer gereimte deichte.
Kelle 2, 187. 376. — Ausg.: v. Bahder, Germ. 31, 99—104; Waag, D. Ged. 2 S. 167—169u. Einl. S. CIVf. — Sprockhoff S. 76—78; Hautkappe, Ad. Beichten S. 59 ff.
Hs.: Upsala, Ende des 12. Jhs. Der Schluß fehlt.
Die Sprache ist rheinfrk. mit mittelfrk. Einschlag. Abfassungszeitum 1150. Das Gedicht, auch Upsalaer Sündenklage genannt, ist eine gereimteBeichte, streng nach der Einrichtung eines Beichtformulars: voran gehtdie Abschwörungsformel; von der Beichte ist erhalten: I. die Empfänger-formel 2—4; II. der größte Teil der Sündenaufzählung 5—Schluß. 2 )
Die Reime sind überwiegend unrein (21 assonierende gegen 10 reineReime), die Assonanzen sind aber nicht schwer. Die Verse sind frei gebaut,öfters überlang.
§ 61. Die (prosaische) Rheinauer Sündenklage.
Ausg.: Wilhelm, Denkm. S. 64—69, Komm. S. 154—156.
Hs.: Zwei Doppelbl. der Züricher Kantonalsbibl., 2. Hälfte des 12. Jhs., losgelöst voneinem Kodex des Klosters Rheinau. Anfang und Schluß fehlen.
Die Sprache ist alemann. Der größte Teil der Sätze hat gleichen Bau.Sie beginnen anaphorisch mit der Anrufung herro oder mit ich manon dich,auch mit nu bit ich, enthalten Begründungen (Berufungen) und oft auchnoch Bitten. Daß das Stück unter die Sündenklagen zu rechnen ist, ergibtsich schon aus den Schlagworten: mih blvtigun sundämn 6, riwa 8, mihfirborginun sundämn 10 f., ferner 11. 17 f. 21 f. 71 f. 87. 88. 107. 109. 122.133—135. 154. 158. 164. 165, besonders auch abe nemen (Ablaß gewähren)136 und (ih) chlagon dir 72. Weder am Anfang noch am Schluß desBruchstücks scheint viel zu fehlen. Mit 173 beginnt die Bitte um Aufnahmein die himmlische Schar.
Kraus aaO. — V. 144 Paulus als Apostel 2 ) Die Upsalaer poetische Beichte steht
Ersatz für Judas und V. 146 Paulus als Heiden- : nicht in unmittelbarer Beziehung zu einer
bekehrer sind stehende Züge in der m.alterl. ' der prosaischen Beichten (v. Bahder aaO.),
P^ulusliteratur. Fast alle diese Motive ge- doch ist sie unter die Gruppe A zu stellen
hören zu der liturgischen Feier der Conversio (LG. I, 313). Zu der Untergruppe Y gehört
Pauli im Breviaritim Romanum. 1 sie nicht.') Die Visio S. Pauli s. oben S. 161.