§58. Rheinauer Paulus. §59. Cantilena de conversione Sancti Pauli. 181
gestellt, die Beichte aber, wie in der Milst. Sündenkl., recht ausgedehnt war.Wieviel von dieser auch im Rhein. Paulus stand, ist nicht zu ermessen.Dann werden die Ereignisse bei der Bekehrung des Apostels den Anfangund den Schluß, gleichsam die Rahmenerzählung, gebildet haben, der Haupt-teil in der Mitte kam dem katechetischen Inhalt zu 1 ) (außer der Beichtebezw. der Sündenklage war auch wohl das Glaubensbekenntnis behandelt,vgl. RP 132).
Die Frage, ob ein und derselbe Verfasser die Berufungen (bezw. dieSündenkl.), die der RP mit M gemeinsam hat, und die Pauluserzählung,die nur im RP enthalten ist, dichtete, ist wohl kaum zu entscheiden, da dieVerszahl der letzteren zu gering ist. Stil und Metrik 2 ) sprechen nicht dagegen.
Die Heimat des Gedichtes ist das alemann. Sprachgebiet, als Abfas-sungszeit sind die gleichen Jahre anzusetzen wie für die Milst. Sündenkl.,auch wenn der Verfasser der Schlußerzählung ein anderer gewesen seinsollte als der der Berufungen.
§ 59. Cantilena de conversione Sancti Pauli.
Ausg.: Martin, ZfdA. 40, 305 ff.; Leitzmann, Kl. geistl.Ged. S.9f. 30; Schröder, ZfdA.41, 92—94; Ders., Gott. Nachr. 1917, 162.
Hs.: Colmar, Kreisarchiv, Bruchst. des 12. Jhs. (s. oben § 10); lückenhaft, der Schlußfehlt. Dialekt der Hs. elsässisch. Dialekt und Heimat des Gedichtes: das alemann. Sprach-gebiet; Abfassungszeit etwa 1150.
Der Inhalt dieses Bruchstücks ist hier schon im Titel angegeben; daßes ein Bekehrungs- und Bußgedicht ist, das besagen auch die Worte wiewir uns bikeren Mart. 11° 17, 3 ) ze buoze II C 53,- und die lat. Bußworte Heu memisero II d 27, tu mihi miserere IP 49. 4 ) Es ist eine Aufforderung zur Be-kehrung und Buße und enthält I. II 0 16—39 die Mahnung, daß wir uns be-wahren in diesem Leben in Aussicht auf unsere Hinfahrt; II. II C 40—II J 26eine Darlegung des jüngsten Gerichts; III. II d 27—50 Schuldbekenntnis undBitte um Erbarmen (tu mihi miserere); IV. II d 51—56 Begründungen. Er-halten ist nur der Anfang von der großen Sünderin, es folgten noch weitereBerufungen, der letzte leserliche Buchstabe H = Herro leitete eine solcheanaphorisch ein wie II d 51.
Von Paulus, über dessen Bekehrung das Gedicht zufolge der Überschrifthandeln soll, ist in dem Bruchstück nicht die Rede, die betreffenden Versemüssen also in dem nicht erhaltenen Schluß vorgekommen sein. Wie inAnselms Oratio und im Rheinauer Paulus sind auch hier Bekehrung undSchuldbekenntnis mit dem Apostel Paulus verknüpft, und wie die Zukunftnach dem Tode durch die Visio Pauli ebenfalls mit dem Apostel in Ver-bindung gebracht ist, so enthält auch unsere Cantilena einen Abschnitt
') Möglicherweise wurde die Sündenklagedeshalb mit dem Apostel in Verbindung ge-bracht, um ihr ein stärkeres Ansehen zu ver-leihen.
J ) Rödiger S. 305 ff.; Kraus S. 78 f.
3 ) Das Wort bekeren ist in der Hs. nichterhalten, aber die Konjektur, die schon Martingemacht hat, sicher richtig.
4 ) Grünewald S. 27.