§ 57. VORAUER SONDENKLAGE.
179
Inhalt.') I. Anrufung 1—29C (Waag 2 ). Anrufung Gottes 1—7, der heil. Maria 8—290.—II. Sündenbekenntnis (die eigentl. Sündenklage) 291—557. — III. Bitte um Sündenvergebung559-728. — IV. Schlußgebet an Gott 729-858.
Ob der Verfasser den Inhalt, der nur aus bekannten Zügen besteht, inirgendeiner Quelle schon so verarbeitet vorgefunden hat oder ob er ihnselbst zusammenstellte, ist nicht zu entscheiden. 2 )
Der Stil ist einfach und ohne Schmuck. Der Satzbau ist nicht strengarchitektonisch abgemessen, wie etwa im Ezzolied, sondern die Linien gehenineinander über (Hakenstil). Die Sätze erstrecken sich oft über eine Reihe vonZeilen durch An- und Einfügung von Nebensätzen, die Hypotaxe also ist Satzstil,im Unterschied von dem Milst. Gedicht, das durch die Parataxe einen alter-tümlicheren Eindruck macht als das Vorauer (z. B. Vor. Sündenkl. 14-23. 58—62.77—83. 122—129. 227-239. 328—336). Im Wortschatz sind einige seltenbelegte Wörter zu bemerken wie wurmgarie 71, chelgitechheitlQ, chintamme86, behwelle 164. 354, wuoftal 241, heilbringe 249, choufchneht 638, bmst-slöz 755; daz halmel vor ziehen 401. Lat. Worte sind selten. 3 ) — Parallelenzu andern frühmhd. Gedichten sind häufig nachzuweisen. 4 ) Benutzt ist dasGedicht von dem Dichter des Anegenge.
Unterschiedlich von der Milst. Sündenkl. hat der Versbau 5 ) ungleichenRhythmus, doch sind die Längenabstände nicht sehr stark. Die Anzahlder Assonanzen ist verhältnismäßig groß.,
Die beiden Gedichte, die sich in dem gleichen Gedankenkreis bewegen,sind doch in der Gestaltung der Formen und in der Erfassung des Stoffesverschieden. Wie der Satzbau, so ist überhaupt die ganze Darstellungsweisein der Milst. Sündenkl. straffer. Während in dem Vor. Stück die Gedankenstellenweise weitschweifig hingezogen sind, auch die Motive öfter und inverschiedenen Abschnitten wiederkehren, sind dort die einzelnen Stoffteileschärfer abgegrenzt. Man erkennt darum auch bei dem Milst. Gedichte dieZusammensetzung des Ganzen deutlicher. In die Anrufung Gottes am An-fang ist eine lange Aufzählung seiner Eigenschaften aufgenommen 32—52,wie in Heinrichs Litanei 41 ff. 149 ff.; dann heben sich wieder heraus dieGeschichte vom verlorenen Sohn 71 — 100, der Psalm 138 mit 111-135,die Schilderung des jüngsten Gerichtes, von Hölle und Himmel 196—277,dann die Beichte 277-632, die Berufungen 642-864. So nach allem istdas Milst. Gedicht anschaulicher als das Vorauer: es hat auch mehr erzählen-
') Anklänge an Beichtformeln s. A. MülleraaO. S. 4—6; Sprockhoff S. 79-81.
2 ) Honorius Aug. führt in seiner PredigtIn annuntiatione Mariae (Migne 172, 905 ff.)ebenfalls die drei Jünglinge, Daniel und dieägyptische Maria als Beispiele an (Schröder,Anegenge S. 74 [s auch S. 54 Anm.] u. ZfdA.35, 423; A. Müller aaO S. 7—9), aber daßder Dichter der Vor. Sündenkl. jene Predigtbenutzt hätte, ist dadurch nicht erwiesen(Kelle aaO.).
3 ) Grünewald S. 20.
*) Diemer, Einl. S. XLV f u. Anm S. 74—77; Scherer, QF. 7 aaO.; die Uebereinslim-mungen mit Ezzos Lied (Schröder, AnegengeS. 74—76 u. ZfdA. 35, 423) können zufälligsein (Kelle, LG. 2, 183. 374).
6 ) Zur Metrik des Gedichtes s. W. Grimm,ZGdR., Kl. Sehr. 4, 168; Scherer, QF. 7 aaO.;A. Müller S. 9—32; Schröder, ZfdA. 35,419 ff. 434.
12*