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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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A. Geistliche Literatur, d) Die Heilsmittel.

die Begründungen (Berufungen), durch welch letztere ein erzählendes, biblisch-historisches Element in die lyrischen Gefühlsergießungen hereinkommt. Inder Bedeutung, die den Anrufungen (Bitten um Erhörung und Gnade) undden Berufungen zukommt, stimmen die Sündenklagen mit den Gebetenüberein, von denen sie sich aber, hierin mit den Beichten zusammengehend,durch die Wichtigkeit des Schuldbekenntnisses mit der unbedingten Hervor-hebung der Sündhaftigkeit trennen, das in Beichten und Sündenklagen einnotwendiger Bestandteil ist.

Der Zentralpunkt der Sündenklage ist das Miserere, d. i. Ps. 50, 3(Luthers Ps. 51) 1 ) als' liturgisches Gebet: Miserere mei Deus secundummagnam misericordiam tuam. Die von den Qualgedanken der Schuld ge-peinigte Seele fleht zu ihrem Gott um ein reines Herz und einen neuenrechten Geist, daß sie wieder Trost erlange in ihrer Zerschlagenheit. Indiesem Psalm sind ausgesprochen die leitenden Gedanken und Empfindungender m.alterl. Sündenklagen: Anrufung Gottes und Bitte um Gnade, TrostPs. 50, 3. 13. 14; Bekenntnis der Sündhaftigkeit im allgemeinen 5. 6. 7;Reue 19 (cor contritum et humiliatum); Bitte um Sündenvergebung 3. 4. 9.11. 12. 16; Berufung 3 (secundum magnam misericordiam tuam et secundummultitudinem miserationum tuarum). Die betreffenden Ausdrücke sind dennauch Gemeingut der lat. Sündengebete: peccatum, iniquitas, malum, miseri-cordia, miserere, delere, liberare, lavare, mundare, cor mundum, cor con-tritum. Dem 50. Psalm (V. 17) gehört auch die liturgisch gewordene Bitteum Verleihung der Gabe zu reden an: Domine, labia mea aperies, welchedie Vorauer Sündenklage einleitet.

Denselben Inhalt wie die deutschen Sündenklagen haben die lat. Poeni-tentialgedichte, aber sie sind von einem viel stärkeren Geist erfülltund nicht so formlos im Umfang und Aufbau. Des Sachsen GottschalkMiserere 2 ) ist das ergreifende Bekenntnis einer ruhelosen, von dem Leidender Sünde gepeinigten Seele. Er, der Knecht Gottes, wie sein Name Godescalkbesagt, ist seinem Herrn, der ihn von der Sklaverei befreite, abtrünnig ge-worden, er hat den schwersten Frevel des Germanen begangen, den derUntreue. Allzu gekünstelt in der Form sind einige alphabetische (dieVerse der Reihe nach mit den Buchstaben des Alphabets beginnende Abece-darien) lat. Pönitenzgedichte der Karolingerzeit: 3 ) des Paulinus von AquilejaVersus confessionis de luctu poenitentiali, einrithmusluctuosus"; Deaccusa-tione hominis erga Deum; Versus de poenitentia; Lamentum poenitentiale . .

') Der 50. Psalm ist einer der 7 Buß-psalmen (s. oben S. 168) und zwar der vierte.Insofern die Sündenklagen in naher Be-ziehung zu dem 50. Psalm stehen, haben siealso die Eigenschaften eines psalmus poeni-tentialis und wurden wohl bei ähnlichen Ge-legenheiten vorgelesen wie diese, vgl. Thal-hofer 2 2, 627629 u. Reg. 2, 661.

2 ) Mon. Germ. aaO. III, I, 729731. UebeiGottschalk vgl. Hauck, Kirchengesch. Bd. 1,Reg.; Harnack, Dogmengesch. Bd. 3; Beitr.35, 238.

3 ) Mon. Germ. aaO. III, I, 147 f. IV, II.484486. 486-489. 602604. 605 f. 770783.