§55. Heinrichs Litanei. 175
Sehr frei ist die Rhythmik, 1 ) es wechseln kurze mit überlangen Versen.Die Reime enthalten keine starken Assonanzen, überhaupt ist in G nur etwaein Siebtel unrein.
b) Sündenklagen.
Die religiösen Grundgedanken der Sündenklagen sind die der Beichte:Sündengefühl und Erlösungsbedürfnis; sie äußern sich im Bekenntnis derSchuld und Erflehung der Gnade. Sündenklagen 2 ) sind Beichtgebete, durchdie poetische Form, in welche die meisten gekleidet sind, ist eine besondereliterarische Gattung geschaffen worden. Sie sind nicht wie die Beichtformularezu offiziell kirchlichem Gebrauch bestimmt und weichen auch inhaltlich vonjenen in einigen Zügen ab; doch bilden die Beichten in Gehalt und Formdie Grundlage und damit lassen sich die Sündenklagen auch inhaltlich undformell aus diesen ableiten. Wie die Beichtformeln sind die Sündenklagendreiteilig: 3 )
1. der Empfängerformel in der Beichte, die zugleich eine Anrede ist,entspricht in der Sündenklage die Anrufung;
2. der mittlere Teil enthält in den Beichten und in den Sündenklagendas Sündenbekenntnis;
3. ein Hauptbestandteil des Beichtschlusses, die Versicherung der Reue,gehört auch zum Schlußteil der Sündenklagen. In der Beichte erscheinenin diesem 3. Teil außerdem die Bitte um Fürsprache, seltener die Bitte umAblaß (Sündenvergebung) und vereinzelt die Begründung: die Bitte umSündenvergebung ist im Schluß der Sündenklage ein Hauptzug, Bitte umFürsprache und Begründung (Berufung) sind hier nicht an diese letzte Stellegebunden. Der bedeutendste Unterschied in der Stoffverteilung bei Beichteund Sündenklage besteht darin, daß Eingang und Schluß dort nur auswenigen Worten bestehen, wogegen der mittlere Teil, die eigentliche Beichte,d. i. das Sündenbekenntnis, weit vorherrscht, während in der Sündenklagedie drei Teile etwa gleichwertig behandelt sind. Der Grundriß der Sünden-klagen stimmt also im großen und ganzen zu dem der Beichtformeln, aberim Gegensatz zu dem knappen Stil der Beichten ist der Grundstoff durchErweiterungen und Wiederholung bedeutend angefüllt. Verhältnismäßig starkausgedehnt sind die Anrufungen mit Bitten um Gnade und Erhörung und
1 ) Zur Metrik: W. Grimm aaO.; VogtS. 113—115. 126. 142; Rüdiger S. 276-279.283-311; Gottfr. Dütschke, Die Rhythmikder Litanei, Hallenser Diss. 1889; Schröder,Gott. Nachr. 1918, 424; Saran S. 254.
2 ) „Klagen"; Klage hat zunächst den Sinn
hominis erga deum ebda III, I, 729), deutschrüegen, oft in derMilst. Sündenklage; klagenund rüegen nebeneinander Milst. 324—329Der miner sunden ist so vil, der ich dir nuchlagen wil. . nu wil ich mich selben mögene mich min widerwinne ruogen beginne;
von plangere, plorare, lamentatio, lamentum | klagen ist hier identisch mit rüegen. Sünden
(vgl. Lamentum poenitentiale Mon. germ.Poet. lat. medii aevi IV, II, 770) seine Sündenbetrauern, beweinen, über seine Sünde Klageanstimmen, wehklagen; dann aber auch =accusare.accusatio „sich wegen seiner Sündenvor Gott anklagen" (vgl. De accusatione
klage ist lamentum peccatorum oder poeni-tentiae. Im lat. querela und im mlat. lamen-tatio sind ebenfalls beide Bedeutungen, weh-klagen und anklagen, vereinigt (lamentatioauch = actio,calumnia,DuCANGE-FAVRE5,17).3 ) Siehe LG. I, 298 ff., bes. S. 300—302.