§ 54. Frauengebet der Vorauer Handschrift u. a.
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Eine Anweisung für die Seelmesse befindet sich in einer Hs. der Züricher StadtbibliothekCod. 171, Ende des 12. Jhs., alemann. (Wilhelm S. 107, Komm. S. 196 f.
Teile eines Gebetbuches sind auch die Upsalaer Frauengebete (hgb. von H. J.Psilander, ZfdA. 49, 363—375; WiLhelm, Komm. S. 173—177; vgl. Sprockhoff S. 83—85),4 Perg.doppelbl. der Univers.-Bibl. zu Upsala, aus derDomkapitularbibl. zu Olmütz stammend,geschrieben um 1200, nördl. bairisch-österreich. Dialekt. Darunter vier Reimgebete: 1. anJohannes Ev. (368, 1—13); 2. an Magdalena (369, 14—370, 69), eine Sündenklage (worinV. 42—58 eine ziemlich wörtliche Übersetzung des Eingangs von Anselms v. Canterbury 74.(73.) Gebet (Migne 158, 1010); 3. an den heil. Michael (372, 116—126); 4. an Johannes denTäufer (127-;—135). Diese Versgebete haben einige Male Anklänge an die Vorauer Sünden-klage. Prosagebete sind gerichtet an Petrus (70—115), Maria (136—180) und Jesus (181—210).
Ein schlichtes Marienlob in kunstlosen Versen enthält die Grazer Hs. 42/93, das eineFrau in schlechtester Orthographie wohl aus dem Gedächtnis aufgezeichnet hat (SchöN-bach, ZfdA. 20, 154—156). Ebenfalls noch im 12. Jh. geschrieben sind die vier unbeholfenenVerse eines Ave Maria in zwei andern Grazer Hss. des 12. Jhs. (Schönbach, ZfdA. 18,160. 20, 156).
In dem gereimten sechszeiligen Mariengebet der Münch. Hs. Gm. 19463 (12. Jh.,Bartsch, Germ. 24, 297) wir'd die frowe gebeten in der Art einer höfischen Dame desMinnesangs.
Die Klagenfurter Gebete (Sündenklagen) s. unten. Über die sog. spätbair. Sünden-klage s. Sprockhoff S. 82 f.
Die niedergeschriebenen Gebete sind wohl zunächst für die Geistlichkeit bestimmt,und zwar, zum Teil wenigstens, nicht nur zum Einzelgebrauch, sondern auch um vor derVersammlung vorgelesen zu werden. Die Mehrzahl sind Frauengebete für Nonnen. 1 ) DerGrund mag darin liegen, daß die Mönche, die ja auf der Klosterschule Lateinisch lernten,der Gebete in deutscher Sprache nicht bedurften. 2 )
Die drei Teile der Grundform, „Anrufung", „Begründung", „Bitte", sind nicht überallleicht zu erkennen. Der nicht notwendige Bestandteil der Begründung fehlt zuweilen. DerUmfang der Gebete ist sehr verschieden; das Züricher Gebet umfaßt nur wenige Zeilen.In den längeren Gebeten sind die drei Teile untereinander gemischt. Im Muri-EngelbergerMariengebel (Wilhelm 86, 534—616) ziehen sie sich durch das ganze Stück, so daß sicheinzelne selbständige kleinere Gebete auslösen lassen; ebenso in den vorher in der Hs.von Muri stehenden Mariengebeten (Wilhelm 77, 169—79, 254).
Wie Gebete verschiedenen Inhalts in gebundene Form gebracht werden, so auch solchezur Messe, dem wichtigsten Teil der Liturgie. Jedweden religiösen Inhalt fassen die Geist-lichen, um ihm durch den Schmuck des Reims und des Rhythmus ein gehobeneres An-sehen zu verleihen, in poetische Form. So wurden auch die Worte und Gedanken derWandlung in gebundener Rede dargestellt. Diese Meßgebete fallen in den Kanon derOpferhandlung, wo sie die vorschriftlichen Zeremonien begleiteten. Der Priester sprichtsie im stillen, er spricht sie für sich und zugleich für die Gemeinde, denn er ist derDolmetscher ihrer Gefühle. 3 )
>) Schönbach, ZfdA. 20, 192.
2 ) Wenn sich lat. Stücke auch in Frauen-gebetbüchern finden (z. B. in der Hs. vonMuri), so ist dabei zu erinnern, daß auchmanche Nonnen lat. verstanden. Es konntensolchelat.Texte aber auchvor der versammeltenKongregation vorgebetet werden, ohne Rück-sicht auf etwaige Nichtkenntnis des Lat. aufSeiten der Zuhörer.
3 ) Gesungen wurden diese Gebete nicht,deshalb kann die Bezeichnung „Messegesang"
irreführen: die deutsche Sprache wurde nichtzum Gesangsvortrag bei der offiziellen Meß-liturgie gebraucht. Ob jemals die uns er-haltenen gereimten Wandlungsgebete bei einerMesse auch wirklich von einem Priester —im stillen — gesprochen wurden, ist zweifel-haft. Zunächst sind es literarische Erzeug-nisse; wieweit sie für den praktischen Ge-brauch bestimmt waren, ist unsicher. MancheWorte in diesen Gebeten sind unmittelbareWiedergabe lat. liturgischer Formeln, so der