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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 54. Frauengebet der Vorauer Handschrift u. a.

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von zeremoniellen Handlungen, für welche oft innerhalb der einzelnen Gebet-texte Anweisungen gegeben werden.

Einfach und volksverständlich wie der Inhalt ist auch die sprachlicheAusdrucksweise in diesen Gebetsformularen. Monoton fließt die Rede fortunter häufigen Wiederholungen, Aufzählungen und Formeln. Eine Sonder-stellung nehmen die Morgengebete und Reisesegen ein. Hier lebt derGeist der alten Besegnungen weiter. 1 ) Anselms hohe, aus ergriffenem Herzenkommende Sprache klingt auch noch in der Übersetzung des ersten S. Lam-brechter Gebetsstückes nach.

In die prosaischen Gebete sind zuweilen gereimte (assonierende) Satz-schlüsse eingeschaltet, so in den Morgen- bezw. Reisesegen der Hs. vonMuri (Wilhelms. 77, 150168 und bes. 94, 66196, 680; ferner in denS. Lambrechter Gebeten (Rödiqer, ZfdA. 30, 84), und auch sonst (Wilhelm,Komm. II, 159. 165. 167. 173. 192).

§ 54. Frauengebet der Vorauer Handschrift u. a.

Prosagebete, seltener gereimte, sind uns aus dem MA., bes. aus dem13. und 14. Jh., in großer Anzahl erhalten, 2 ) wenige auch aus dem 12. 3 )

Ein gereimtes Gebet einer Frau enthält die Vorauer Hs. als letztes Stück, Bl. 135 v ;der Schluß fehlt (Kelle 2, 188. 377); gedruckt bei Diemer, D. Qed. S. 373378, Anm.S. 95, Einl. S. L f. Scherer, QF. 7, 90; Langguth, Ava S. 6). Es ist gerichtet an Gott,am Anfang und in den letzten erhaltenen Worten erfleht die Betende Rettung. Aus tieferNot, aus weltlichen Bedrängnissen ruft die Frau zu Gott um Schutz und Hilfe gegen ihreFeinde, die Rache dem höchsten Richter anheimstellend. Geistliches Sehnen ist nur ein-mal ausgesprochen, da wo sie um die Gnade bittet, nicht des ewigen Todes sterben zu müssen.Sie beruft sich zuerst auf Susanna, denn diese ist ein Beispiel für lügnerische Anklage;dann auf Maria und die Geburt Jesu, auf den Kreuzestod Jesu; auf St. Michael, den ritter-lichen Engel und Schirmherrn; auf Tobias, den der Engel Gabriel aus seiner Entmutigungerlöste; auf Johannes den Täufer, den größten der Heiligen; endlich auf die AuferstehungChristi. Die Orth ograp hie weist auf bair.-österreichischeHeimat des Gedichtes. 4 ) DieVerse 5 )sind von ziemlich gleichmäßiger Ausdehnung, die Assonanzen bieten nichts Auffälliges.

In Innerösterreich geschrieben wurden auch die St. Lambrechter Meßgebete (Kelle2, 188. 377). Ausg.: Diemer, D. Ged. S. 379383, Anm. S. 95 f., Einl. S. XVII f. XXVIII.LI (Hs. A), dazu Piper, Nachtr. S. 286 f.; Schönbach, ZfdA. 18, 82 (Hs. A). 20, 168-173(Hs. B) u. S. 189 (Hs. A); Rödiger, ZfdA. 30, 84 f.; Langguth S. 6 f.; Wilhelm S. 96-103,Komm. II, 185193; Wilhelm, Münch. Mus. 2, 238; Naumann, Ad. Prosaleseb. S..1216.A u. B, zwei Perg.Hss. aus der zweiten Hälfte 'des 12. Jhs. in Graz (Univers.Bibl.) aus St.Lambrecht [vielmehr aus Seckau 6 )]: A, Grazer Hs. von Heinrichs Litanei Bl. 36 a43 b ;B, Grazer Hs. 40/7 Bl. 67"72b. Für die St. Lambrechter Gebete ist es nachweisbar,daß sie aus dem Lat. übersetzt sind. Der lat. Text ist in der Hs. von Muri enthalten (ab-gedruckt bei Piper, Nachtr. S. 349351). Es sind zwei verschiedene Stücke anzunehmen:

') LG. I, 105107. 112114.

2 ) Da und dort eingetragen in mhd. Hss.oder auch gesammelt in Gebetbüchern, wor-über die Hss.kataloge Auskunft geben, soder von Schmeller für die Münch. Hof- u.Staatsbibl., Reg. Bd. I, 622, und der neue Kat.von Petzet ; von Bartsch für die HeidelbergerUn.-Bibl. Reg. S. 219; v. Heinemann, Wolffen-

büttler Hss. I. Abt. III Reg. S. 252, II. Abt. VReg.S. 398; LÄNGIN, Karlsruher Hss. Reg. S. Vi;Priebsch, Hss. in England I Reg. S. 349. II, 336.

3 ) LG. I, Reg. S. 459.

4 ) Waag, Beitr. 11. 153 f.

6 ) W. Grimm, ZGdR, Kl. Sehr. 4, 168.6 ) Eichle-r, Zentralbl. f. Bibl. 35, 5964.