166 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.
Schiffermärchen, denen wohl zuweilen wirkliche Erlebnisse irischer See-fahrer und Einsiedler zugrunde liegen mochten. Anderes entstammte deririschen Mythologie, dem Glauben an das Totenreich mit den Gefilden derWonne und der Strafe, an die terra repromissionis, das Land der Ver-heißung. Vorbild und Veranlassung zur literarischen Gestaltung der Imramawar die Meerfahrt des Aeneas in Virgils Aeneis B. 3 — 5. Die angesehensteSeeabenteuerfahrt war die Seefahrt Maelduins, Imram Maelduin. Übertragenwurde die Sage auf den gefeierten irischen Heiligen S. Brendanus (f 576oder 577, sein Festtag ist der 16. Mai) schon im 9./10. Jh. So entstandim 11. Jh. eine irische Erzählung von Brendans Meerfahrt, der Imram Bre-naind, die von dem Imram Maelduin ganz abweicht und überliefert ist ineiner lat. Übersetzung des ll.Jhs., der Navigatio Sancti Brendani. 1 ) Diesewurde die Quelle für die engl, und franz. und andere volkssprachlicheÜbersetzungen. Die wichtigsten deutschen Fassungen aber gehen auf einedaneben laufende, mehr weltlich gerichtete Brandanerzählung zurück. 2 ) Diedeutsche Quelle für die deutsche Brandanliteratur ist ein mittelfränk. (rrifrk.)verlorenes Originalgedicht des 12. Jhs. (um 1150). Aus diesem sind un-abhängig Voneinander geflossen das mitteld. Gedicht (md., 13./14. Jh.) unddas mittelniederländ. Gedicht 3 ) (mnl., 13. Jh.), sowie die hd. Prosa 4 ) (dasVolksbuch, darin noch viele, meist unreine Reime enthalten sind, 14./15. Jh.; •das mittelniederd. Gedicht 5 ) aber (nd., 14. Jh.) geht vom md. Gedicht aus.In der Navigatio S. Brendani fährt der Heilige aus, um die terra re-promissionis zu suchen; die vielen Wunderdinge, die er sieht, sind andereals die in unserem Gedichte: am Ende gelangt er in der Tat zu dem er-sehnten Land. In den Fassungen dagegen, denen unser Gedicht angehcH,muß Brandan die Reise auf Gottes Befehl als Strafe für seinen mangelndenGlauben unternehmen, das Land der Verheißung ist nicht sein Ziel, viel-mehr die Wiederkehr nach Hause, die ihm erst gelingt, nachdem er ge-sehen, daß die Wunder, die er bezweifelte, Wirklichkeit waren. Hier sinddie Erscheinungen, die ohne Plan oder Steigerung aufeinander folgen, un-geheuerlich und fabulös, auch possenhaft; es ist eine gefahrenreiche undpeinvolle Reise für den gestraften Gottesmann. In der Navigatio ist dasErlebte viel maßvoller, die Fahrt ist gleichsam ein fortgesetzter Gottesdienst;so liegt in dieser Auffassung eine viel größere Ruhe.
3 ) Martin, ZfdPh.l ,162; K. ScHRöDER.Germ.16, 60—74; G. Kalff, Geschiedenes d. nederl.Letterk. 1, Groningen 1906, S. 54 f. u. 61 f.Das niederl. Gedicht ist ausführlicher als dasmitteld. und weicht auch in Einzelheiten ab.
*) C. Schröder S. 1—36.
*) Deutsche Uebertragungen der lat. Na-vigatio sind die Uebersetzung des MünchenerArztes Dr. Johannes Hartlieb 1488; die Le-gende im niederd. Passional, zum erstenmalgedruckt in Lübeck 1488; aus dem obd.BaslerDruck (1511) übersetzte sie Gabriel Rollen-hagen in seinen Wunderbarlichen Reysen(1603). — Aus einer verlorenen deutschenBearbeitung schöpfte der Verfasser des Wart-burgkrieges seine verworrenen Kenntnisse.C. Schröder S. VII—X; W. Meyer S. 125Anm. 2.
<) C. Schröder S. 161—196; W. MeyerS. 21—122; Reimein der Prosa: ebda S. 123—125.
5 ) Abgedruckt bei Paul Jak. Bruns, Romant-u. andere Gedichte in altplattdeutscher Sprache,1793, S. 159—216; und bei C. SchröderS. 125—160. Es ist kürzer als das md. Ge-dicht und weicht im Text stark ab.