§50. Visio S.Pauli. 161
standen dann in Irland die phantastischen Jenseitsbilder des PurgatoriumS. Patricii und der Visio Tundali, die Vollendung zur Erhabenheit einesWeltgedichts aber fand der Stoff von den Fahrten ins Jenseits in DantesGöttlicher Komödie.
Die, Darstellung der Zustände im Jenseits enthält schon in sich einenethischen Sinn, eine Bestimmung des irdischen Lebens, eine Aufmunterungoder eine Warnung, und zwar den Grundgedanken der christlichen Moral:lebe so, daß du der Hölle mit ihren Schrecknissen entgehst und die Herr-lichkeit des Himmelreichs erwirbst. Dieses Ziel wird erreicht durch dieBuße. So stehen diese Dichtungen in Zusammenhang mit der Beichte.Diese Verbindung ist auch unmittelbar zu sehen an der Verwandtschaft desGedichtes „Himmel und Hölle" mit den Bamberger und WessobrunnerBeichtformularen, und die Paulusvision schließt mit der Bekehrung undder Erlangung des Himmelreichs. Dieser Zweck ist schon in der Visio Pauliausgesprochen: Et in Uta anime peccatorum puniuntur, qui non egeruntpenitenciam post peccata commissa in hoc mundo. 1 ) Dieselbe religiöseLehre ist auch in der Visio Tundali und im Purgatorjum S. Patricii niedergelegt. 2)
§ 50. Visio S. Pauli 3 ) (von der Zukunft nach dem Tode und S. Paulus). 4 )
Kelle 2, 193 f. 379; Piper, GD. 2, 11 f., Nachtr. S. 267. — Ausg.: Karajan, DSpr. S. IXu. 107—112; Kraus, D. Ged. S. 35-41. 182—197 u. Anz. 23, 114 f. — Scherer, QF. 7,22—27, dazu Rödiger, Anz. 1,71; Herm. Brandes, Visio S. Pauli, Engl. Stud. 7,34—65; Ders.,Visio S. Pauli, Halle 1885, bes. S. 42 ff.; Elis. Peters S. 108 ff.; Handb. der klass. Altertums-wissensch., Griech. Lit. 2, 2. Aufl. 1913, S. 1016 ff.
Hs.: 2 Pergamentbl. vom Ende des 13. Jhs., einst im Besitz von Karajan, dann ver-schollen, jetzt in Wien Nr. 19813. Der Text ist ziemlich fehlerhaft.
Die Hs. hat md. und bair. Dialektformen, die Reime sprechen für md.Heimat des Gedichtes, die bair. Formen stammen von einem bair. Schreiberher. Zeit: um 1150.
Inhalt: A.VonderZukunft nach dem Tode: Der Anfang des Gedichtes fehlt. I, 1—63Die Seele der Bösen wird vom Teufel empfangen, Schilderung der Hölle und Qual derSeele. Der Engel der Bräutigam, der die Braut, die Seele in sein Haus führt (s. unten Hoch-zeit). — B. S. Paulus. Zwischen A und B ist eine größere Lücke. Das Fragment B ent-hält Stücke aus dem Fegfeuer. I. 1—12. Der Engel führt Paulus. Die 4 Flüsse des Paradieses.II. 13—80 Die unfruchtbaren Bäume am Tor der Burg. III. 81—89 Der Honigfluß. Hierbricht das Fragment ab.
Der Ursprung der Paulusvision liegt in den Worten des Apostels vonseiner Entzückung bis in den dritten Himmel 2. Kor. 12,2—4. Quelledes deutschen Gedichtes ist eine lat. Fassung der Visio S. Pauli. 5 )
') Brandes S. 75, 14 f.
2 ) Andere Tendenzen, die erbauliche unddie politische (Elis. Peters bes S. 112 f.),kommen für die deutschen Visionen nichtin Betracht.
3 ) Die Gedichte über die Bekehrung desPaulus, der Rheinauer Paulus und die Con-versio S. Pauli, s. unten.
J ) Karajan faßte sie richtig als ein Ge-
dicht (S. Paulus), Müllenhoff und Scherer '(s. QF. 7, 22) nahmen zwei gesonderte Ge-dichte an, Kraus hat ihre Einheit wahr-scheinlich gemacht. Oben ist im Titel dieTrennung beibehalten, weil bis auf die Unter-suchungen von Kraus MOllenhoffs undScherers Scheidung ziemlich allgemein an-erkannt war.
5 ) Ueber die Vis. Lazari und ihr Verhalt-
Deutsche Literaturgeschichte. II. 11