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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 47. Pilatus.

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Quelle ist die lateinische Vita oder Passio S. Albani des Transmundus,der zwischen 1170 und 1190 Kanzleibeamter des römischen Stuhles war.Das deutsche Gedicht ist wahrscheinlich nach 1186 entstanden. 1 ) SeineHeimat ist, dem Dialekt zufolge, das moselfränk. Gebiet. 2 )

Die Inzestsage war in verschiedenen Fassungen verbreitet. Als Gregorius-legende ist sie zu großer literarischer Bedeutung gelangt. 3 )

§ 47. Pilatus.

Kelle 2,199. 381; Piper, GD. 2, 2126. - Ausg.: Mone, Anz. f. K. d. d. Vorz. 4 (1835),434446; Massmann, D. Ged. S. 145152 u. Vorw. S. VII f.; Weinhold, ZfdPh. 8,253288;Müllenhoff, Ad. Sprachpr. 3. Aufl. (1878), 101107. Scherer, QF. 12, 123; Sprenger,ZfdPh. 7, 368 (Textkrit.); Steinmeyer, Münch. Mus. 3,155 ff.; Wolfskehl und v. d. LeyenS. 130141. 222.

Hs.: Straßb.-Molsh. Hs. (s. oben S. 17) Bl. 29a30c. Das Bruchstück beginnt mit demAnfang des Gedichtes und enthält nur einen kleinen Teil der ganzen Legende.

Orthographie der Hs.: normal-mhd. mit md. Färbung. Der Dialektdes Gedichtes ist hessisch. Abfassungszeit zwischen 1170 und 1180.

Inhalt der Pilatuslegende. Der König Tyrus von Mainz nahm, da er auf der Jagdübernachtete, eine Magd namens Pyla zu sich, die Tochter des Müllers Atus. Des Tyrusund der Pyla Sohn ist Pilatus, so genannt nach seiner Mutter Pyla und seinem GroßvaterAtus. Am Hofe seines Vaters erzogen, tötet er seinen Stiefbruder. Er wird nach Rom ge-schickt zu Julius Cäsar, wird aber, da er einen Königssohn erschlagen, zur Strafe nachPontus geschickt (daher Pontius Pilatus, der pontische Pilatus). Herodes beruft ihn nachJudäa. Der Kaiser von Rom, der von einer schweren Krankheit befallen ist, sendet einenBoten an Pilatus, daß er ihm Christus zur Heilung schicke. Aber der Herr lebt nichtmehr, dagegen bringt Veronica das Schweißtuch dem Kaiser, der dadurch Genesung findet.Pilatus wird zum Tode verurteilt, er bringt sich aber vor der Hinrichtung selbst um.Sein Leichnam wird in den Tiber geworfen, dort aber veranlaßt er Sturm und Un-gewitter. Dann wird er nach Vienne gebracht und endlich in einen See hoch in den Alpenversenkt (lokalisiert an dem Berg Pilatus).

Das deutsche Gedicht beginnt mit einer längeren Einleitung (Weinhold1176) allgemeinen Inhalts: a) über Sprache und Dichtkunst: die Schwierig-keit der Behandlung der deutschen Sprache (118), der von Gott zumDichten verliehene Sinn (1965); b) religiöser Übergang zum Hauptteil:Preis der Gottesmutter (66142), von ihrem Sohn, von seinem Tod undvon dem, der ihm den Tod veranlaßte, Pilatus (143176). Die Geschichtedes Pilatus bricht da ab, wo Herodes ihn nach Palästina kommen läßt.

Die Sage von Pilatus 4 ) war im Mittelalter in sehr vielen Fassungen ver-breitet, als selbständige Legende oder eingeschaltet in geistliche Werke, die

') Kraus S. 200209.

2 ) Kraus S. 209 f.

3 ) Siehe LG. II, 2. Abt.

4 ) Ueber die Pilatussage (und zugleichüber die Veronicalegende) handeln: W. Grimm,Die Sage vom Ursprung der Christusbilder,Abh. d. Akad. d. Wissensch. zu Berlin 1842,121175 u. Kl. Sehr. 3, 138199; Mass-mann, Kehr. 3, 594621. du Meril, Poesiespopulaires du moyen äge, Paris 1847, S. 315

368; W. Creizenach, Legenden und Sagenvon Pilatus, Beitr. 1, 89107, dazu Heinzel,ZföG. 25 (1874), 163 u. Kl. Sehr. S. 275 f.,Schönbach, Anz. 2,149212 (die einzelnenFassungen s. bei Schönbach S. 167 ff.);Borinski, Anz. 15, 222 f.; Strauch, EnikelsWeltchron. S. 379; Alfr. Heinrich, JohannesRothes Passion, Germ. Abh. 26. H. S. 59100;Steinmeyer aaO.