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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.

Hs.: Berlin, Ms. germ. quart. 665, Perg.doppelbl. (aus der Bibl. Meusebachs), erste Hälftedes 13. Jhs.

Inhalt. Die Albanuslegende 1 ) ist die christliche Ödipussage. Ein Kaiser nimmtnach dem Tode seiner Frau seine eigene Tochter zur Ehe. Das Kind, Albanus, wird imfernen Ungarlande mit kostbaren Kleidern und Kleinodien ausgesetzt. Der König vonUngarn nimmt den Findling an, setzt ihn, da er kinderlos ist, zum Erben ein und läßtihn, nachdem er zu einem trefflichen Jüngling herangewachsen, krönen. Er kommt an denHof des Kaisers und gewinnt dessen Tochter zur Frau, heiratet also, ohne es zu wissen,seine Mutter, die zugleich seine Schwester ist. Die Kostbarkeiten, die Albanus einst beiseiner Aussetzung beigegeben worden waren, enthüllen den unbewußten Frevel. Die Un-seligen reinigen sich durch Buße. 2 )

Alle Legenden haben als ethische Bedingung den Kampf des sittlichenMenschen gegen böse Mächte. Zumeist sind es äußere Feinde, die Heiden,oder auch gefährlichere, der Teufel, Verführer, die die Lüste des Herzensanreizen. Diese Märtyrer stärkt der Glaube und die Hand des Allmächtigenführt sie zum Sieg. Hier aber, in den Erlebnissen des Albanus, gibt eskeine Wundertaten und Folterqualen, sondern es ist eine Tragödie desmenschlichen Herzens. Hier ist es ein Ringen mit der eigenen Schuld, unddiesen armen verworrenen Seelen bleibt nichts als die Gnade Gottes. Siekönnen das himmlische Reich nicht erkämpfen durch Heldentaten, sondernsie können es nur erbüßen. Und das ist der religiöse Grundgedanke, derauch in unsern Bruchstücken zum Ausdruck kommt in den Worten gnade69. 73. 81.88.106, bezzeren inde bekeren 93. Die Berliner Blätter enthaltenzwei Abschnitte aus der ganzen Legende: 1. 160 Das Findelkind wirdvon dem König von Ungarn aufgenommen und zum Erben eingesetzt,wächst zum Jüngling heran, wird gekrönt; 2. 61118 Die Tochter desKaisers entdeckt diesem, daß Albanus ihrer beider Sohn ist.

Der Grundstoff ist eine weltliche Geschichte, eine Novelle, die zurLegende erst wird durch die religiöse Schlußwendung. So ist auch dieDarstellung reiner Erzählungstil, lebensvoll, leidenschaftlich gesteigert beiseelischer Erregung, frei fortschreitend, nicht gebunden in typische Formelnund belastet durch Flickverse. Es ist eine neue stilistische Technik, dieder höfischen Zeit. Dagegen die Vers- und Reimbehandlung hat nochnicht die Regelmäßigkeit der höfischen Dichtung. Die Reime sind allerdingsüberwiegend rein, aber Assonanzen, wenn auch leichte, sind doch nicht selten.Die Senkungen sind oft stark überfüllt, dadurch sind viele Verse überlang. 3 )

') Greith, Spicilegium Vaticanum S. 159 f.;Reinhold Köhler, Germ. 14, 300304 u.Kl. Sehr. 2, 184189 (s. dazu auch die Ver-gogna Legende, ebda S. 190203); Paul,Gregorius (großeAugabe), Hallel873,S.XVf.;W. Creizenach, Beitr. 2, 199 ff. (Sage vonJudas Ischariot); Ad. Seelisch, ZfdPh. 19,408; Schönbach, Ueber Andreas Kurzmann,Wiener SB. 88 (1878), 865-872. StattAlbanus erscheint auch die Namenform Al-binus. Von dem Mainzer Heiligen, dessenFest am 21. Juni gefeiert wird, und dem

gleichnamigen Protomartyr Englands (22. Juni)ist der Held unserer Legende zu unterscheiden,wird allerdings auch mit dem ersteren ver-wechselt (Kraus S. 198 Anm. 1).

2 ) In der von Haupt aaO. herausgegebenenFassung ist damit des Greuels nicht genug:dort begehen die Alten wieder einen Inzestund der Sohn lädt noch die Schuld desElternmordes auf sich.

3 ) Überlange Verse in den mfrk. Dich-tungen s. Annolied.