Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
149
Einzelbild herunterladen
 

§ 40. Das Annolied.

149

Das Annolied, das mit seinem Stoffe in der Gegenwart wurzelt, willauch den Zeitinteressen dienen. Der Verfasser eröffnet den Prolog mitdem Zweck seines Werkes: er streitet gegen die weltliche Dichtung 1 ) undstellt den Helden des Volksepos ein geistliches Musterbild entgegen. Esist das alte Mittel im Ringen der Kirche gegen die Kinder der Welt, wiederumbekämpft der Klerus die Volkssänger, die Spielleute, mit ihren eigenenWaffen 2 ) wie in den Anfangszeiten des geistlichen Epos, als Otfrid d urchsein großes Evangelienwerk die heidnischen Lieder verdrängen wollte. 3 )Und der Mann, den der Dichter dem Volke im Heiligenscheine vorstellte,war in der Tat ein gewaltiger Kämpfer, dessen Kraft die Menschen derZeit selbst und am eigenen Leib verspürten; er war ein Recke an Ruhmund großer Kühnheit, der vor denen der Dichtung nicht zurückstand.Keinen Geringen führte der Mönch gegen die Spielleute ins Feld, seinHeld hatte auch im geistlichen Gewand die Eigenschaften, selbst dem un-bändigen Adel Bewunderung einzuflößen.*)

Vollends heroisch aber und in ritterlichem Geiste aufgefaßt ist der histo-rische Abriß. Lange Stellen desselben konnten geradezu in einem Helden-epos stehen. Kriegerisch mußten die Bilder sein, in welchen der Dichterdie Wirren des Weltstaates vorführte, den er der Legende entgegensetzt.Damit wurden die. Kämpfe des Ninus, der Germanen, Cäsars geradezuBeispiele dafür, wi stielte helide vähten 3, für jene Heldendichtung also,die er für unzeitgemäß erklärt. Er gewann damit das Interesse des ritter-lichen Publikums, läßt aber doch keinen Zweifel daran, daß diese Kriegs-

dann Müllenhoff, MSD. I 3 Vorrede S. XXXIXund Scherer, QF. 12, 30 erklären sich fürden älteren Termin um 1080 unter den Neue-ren Wilmanns, der genauer das Jahr 1077/78erschließt (Annol. S. 8991) und im Zu-sammenhang mit ihm Vogt, Grundr.II 2 ,168 f.,Seemüller.ZiöG. aaO.; ferner Rödiger (S.98),Kraus (S. 235), Rosenhagen (S. 280); da-gegen für den jüngeren Termin, 1105 oderdie darauf folgenden Jahre, Kettner, ZfdPh.9, 304 f. 19, 337 f., Zarncke S. 299. 304,Schröder, Kehr. S. 51, vgl. Anz. 7,191, KelleS. 105, Kohlmann, Beitr. 35, 558 f., Leitz-mann, Beitr. 36, 395 f. Wilmanns führt An-zeichen dafür auf, daß das Annolied nichtdirekt von der Vita abhängig sei, sonderndaß beiden eine ältere, uns verlorene Vitavorgelegen habe (s. auch Rödiger aaO.),aber der Beweis ist nicht sicher erbracht;auch nicht durch die Erwägung, daß zwei imCharakter so verschiedene Werke wie dasLied und die Vita aus derselben Gemeinschaftzu derselben Zeit (S. 90) hätten hervorgehenkönnen, denn gerade die verschiedene Ab-sicht, die Wirkung auf Geistliche in der Vita,auf Laien bezw. Ritter im Liede, konnte dieVerschiedenheit in der inneren Auffassungbedingt haben. Solange wir keinen sicheren

Beweis für frühere Entstehung haben undeine ältere lat.Vita nicht wirklich nachgewiesenist, bleibt die einzige Tatsache für die Zeit-frage das Verhältnis des Liedes zu der unserhaltenen Vita von 1105. Und dieses sprichtallerdings, da dann das Lied aus dieser Vitaentlehnt sein muß, für 1105 oder die nächstenJahre als Abfassungszeit des Annoliedes.

') Die 6 Eingangsverse sind stilistisch \formelhaft; auch inhaltlich sind sie verwandtmit der ersten Strophe des Nibelungenliedes:die zerstörten Freundesbande und der Unter-gang mächtiger Könige ist eben das Themader Nibelungensage.

2 ) Scherer, QF. 12, 18 ff.

3 ) Siehe LG. 1, 177.

4 ) Indem Anno als vorbildliche Persönlich-keit gezeichnet wurde, ist das Gedicht zueinem Panegyricus auf den Heiligen ge-worden. Zugleich war das Lob seines Bischofs-sitzes damit gegeben. Zu den rühmendenWorten über Köln (97120, vgl. 517 f.; dochder Tadel ihres Aufstandes 659 ff. 757 f.)mochte der Dichter noch durch die Absichtmit veranlaßt worden sein, auf die Stimmungder Kölner zu wirken; vgl. hierzu bes. Wil-manns, Annol. S. 7.53. 91 f. 94 f.; ZarnckeS. 300. 303 f.; Rödiger S. 81 f.