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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 40. Das Annolied.

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Dieser Geschichtsauffassung liegt der Dualismus von Körper- und Seelen-welt und dessen Äußerung als Weltstaat und Gottesstaat zugrunde. Dieaugustinische Geschichtsidee von den beiden Staaten bildet die ideelleGrundlage des historischen Teiles (A).

Quellen. 1 ) Die beiden Hälften haben verschiedenen Ursprung. Wiedie Grundlage für den geschichtlichen Teil beschaffen war, ist nicht klarerkenntlich. Es scheint, daß dem Dichter die Hauptzüge der historischenEntwicklung nach einem gedrängten Abriß bekannt waren, in welchem dieeinzelnen Tatsachen nur kurz tabellenartig verzeichnet standen, die er dannaus verschiedenen Quellen und auch aus seinem eigenen Wissen ergänzte.

Am Anfang der christlichen Weltgeschichtsschreibung steht Ninus schon bei Hieronymusund als Urheber der Kriege 2 ) in Augustins De civ. Dei IV Kap. 6 (nach Justinus), danachin der weitverbreiteten Weltgeschichte seines Schülers Orosius (a. 417/18), auch in IsidorsEtymol. XVIII Kap. 1, l. 3 ) Die vier heidnischen Weltreiche behandelt dann Orosius, aller-dings in anderer Fassung, ebenfalls im Zusammenhang mit Ninus an einer zweiten Stelle,B. II Kap. 172. 3. Der Dichter des Annoliedes hat die vier Weltreiche an den Traum Danielsin der Bibel (Dan. Kap. 7) 4 ) in der Auslegung, die Hieronymus gegeben, angeknüpft. —Die historischen Beziehungen Cäsars zu den deutschen Stämmen und die Ursprünge werdennach dem MA. bekannten, uns im einzelnen nicht vollständig nachweisbaren gelehrtenSagen erzählt. — Die Bekehrung der Franken durch die drei Heiligen ist den Gesta Tre-virorum entnommen. Diese lagen dem Dichter nahe, da sie fränkische Geschichte und inengerem Sinne die einer benachbarten fränkischen Stadt behandeln. 5 ) Auf sie weisen, außerder zuletzt genannten Stelle, die V. 275—278 G ) hin, auch die V. 495—518 setzen rheinischechronikalische Notizen voraus. Den Bericht über das mazedonische (griech.) Weltreichschmückte er durch Abenteuer aus der Alexandersage aus (207—236), ebenso suchte erdie Phantasie der Leser anzuregen durch die Geschichte Trojas und des Ulixes (350 ff.), dieer nach Virgils Aeneis bezw. dem Kommentar des Servius in den Abschnitt über die Frankenaufnahm.

Der größte Teil der historischen Erzählung (A), der Abschnitt 179—518,findet sich auch in der Kaiserchronik 287—660, dazu 57 f. Sehr häufigstimmen die Verse wörtlich überein oder lassen doch gemeinsamen Ursprungerkennen. Der Verfasser der Kehr, hat das Annolied benutzt bezw. aus-geschrieben. 7 )

Einen ganz anderen Ursprung hat der zweite Teil des Gedichtes,die Legende (B). Das Leben Annos hat zuerst, in gedrängter Darstellung,

') Siehe bes. Einleitung zu BezzenbergersAusg.; Zarncke aaO. S. 298 ff.; Wilmanns,Annol. S. 10—64; O. Carnuth, Germ. 14,74—81; Phil. Kohlmann, Beitr. 35,554—567.

2 ) Ninus ist auch der erste Städtegründer(Hieronymus aaO., Annol. 121 ff.). In demuniversalistischen Zug der m.alterl. Welt-geschichtsbetrachtung ist es begründet, daßbei den Völkern und Städten auf ihren Ur-sprung zurückgegangen wird. Gerade dasAnnolied berichtet hauptsächlich von der Ur-geschichte, von Reichs- u. Städtegründungen:Ninus stiftet Ninive 121 ff., Semiramis Babi-lonie 153 ff.; die Herkunft der vier deutschenStämme281 ff.; Gründung einer griechischen

Troia, von Padua, Alba, Rom, Xanten 373 ff.,Augsburg, Colonia Agrippina und Aufzählunganderer rheinischer Städte 481—517. Ge-schichte'und Geographie sind hier verbunden.

3 ) RÖDIGER, Anm. zu V. 125.

4 ) Franz Kampers, Alex. d. Gr. u. die Ideedes Weltimperiums in Prophetie u. Sage, Stud.u. Darst. aus d. Gebiete d. Gesch. Bd- 1 H. 2.3 S. 13—15.

6 ) Massmann, Kehr. 3, 303 ff.; Watten-bachs GQ., Reg.

6 ) Wilmanns, Annol. S. 51; Zarncke S.304;Schröder, Kehr. S. 65 f.

7 ) Die Quellenfrage ist ein Hauptpro-blem in der Forschung des Annolieds, bes.

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