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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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146 A - Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.

rische Teil (B 561878), der ganz der Verherrlichung des einen Mannesgewidmet ist: beiden Pflichten wußte er gerecht zu werden; ein echterHerrscher sowohl in weltlichen Dingen als im Gottesdienst ging der BischofAnno vor Gott und vor den Menschen (Staat und Kirche, als Reichs-verweser und als Bischof), in Wahrheit ein gerechter Fürst 577596. In-dem so Anno in sich Körperwelt und Geisteswelt vereinigt, ist er der Typusder Menschheit, entsprechend der eingangs aufgestellten Ontologie (1938);insofern er beide in harmonischer Weise in sich ausgleicht, ist er der Typusdes vollkommenen Menschen. Und als solcher ist er denn auch in demlegendarischen Teil dargestellt, ausgestattet mit den Tugenden eines Geist-lichen und eines Fürsten: ein Löwe an Kraft gegen die Hohen, ein Lammgegen die Armen, ein Schützer der Witwen und Waisen, in Predigt undBeichte gottselig und den Menschen ein Wohlgefallen, barmherzig, ein ge-rechter Richter. Das alles sind allgemeine Eigenschaften, die der üblichentypischen Personenschilderung des MA.s entnommen sind. Da die Kunst,die Persönlichkeit zu charakterisieren durch Hervorhebung einzelner Züge,noch kaum entdeckt war, ist ein Idealbild gezeichnet, wie es von jedemBischof entworfen werden konnte: der historische Anno, der ehrgeizigeEmporkömmling, die rücksichtslos in die Weltgeschichte eingreifende Herren-natur, ist er nicht. Bestimmte, greifbare Punkte für das äußere Leben gebenjedoch die eingestreuten historischen Tatsachen, die sich an seine Reichs-verweserschaft knüpfen. Als eine schwere Prüfung empfindet er die An-fechtung der Kölner und seine Vertreibung, die Schrecken der Kriege, diedas Reich unter Heinrich IV zerfleischten, betrübten ihn, den Friedens-fürsten, in den Tod. Den einzigen Flecken, der sein reines Gewand be-schmutzte, die Feindschaft mit den Kölnern, beseitigte er durch seine groß-mütige Gnad.e 733 ff.

Auch die Legende zerfällt in die beiden Regionen, auf die Taten in derWelt 577696 folgt, beginnend mit den Visionen der göttlichen Wonne,das Leben im Geiste 697878. Nach dem langen Gang durch die Ge-schichte der Welt und die Erdenspanne des Kölnischen Bischofs kehrt dasLied wieder zum Anfang zurück: Leib und Seele, Fleisch und Geist (= 23 ff.)scheiden sich, vom menschlichen Elend geht der Weg in das ewige Paradies759770 (vgl. 17f.); daran wird die Mahnung angeschlossen, an das Endezu denken 771 f. ('= 7), und Anno wird als Vorbild aufgestellt (== 15, wieam Anfang der Lebensbeschreibung 577579), indem er uns anspornt,ihm auf dem Wege zum Himmel nachzufolgen 773788. Die Wunder, dieim Prolog angedeutet sind (1014), werden jetzt erzählt 785852. In demHeiligen äußert sich die Kraft Gottes: wie Moses das Volk zu dem aller-besten Lande brachte, so führt er süß an Händen zu dem schönen Para-dieseslande. So ist die Menschheitsgeschichte durchschritten von der Schöp-fung durch das Heidentum zum Christentum bis auf den Helden des Preis-liedes, den ins himmlische jenseits geleitenden Bischof Anno von Köln.