§ 40. Das Annolied. 145
mächtige Lenker des Staates, ist nicht nur als wundertätiger Heiliger, son-dern als eine hervorragende Erscheinung der Geschichte aufgefaßt. DasZeitliche aber ist erweitert zur Menschheitsentwicklung, das Leben des ein-zelnen Mannes zu einer allgemein gültigen Menschheitsform. Auf dem all-umspannenden Hintergrund der Weltgeschichte 1 ) ist sein Bild abgehoben,an der Weltanschauung des MA.s, dem Widerstreit zwischen Diesseits undJenseits, wird er gemessen, der lebenvernichtenden Macht des Heidentumswird er gegenübergestellt als ein Kämpfer für den Dienst Gottes zumewigen Dasein. Solche Grundgedanken ziehen sich durch das ganze Ge-dicht, als Leitmotiv sind sie in der Einleitung an die Spitze gestellt: diezerstörenden Taten der nationalen Welthelden und die rettenden Wunderdes Heiligen durch den Herrn, das Leben in der irdischen Verbannung unddie Ewigkeit 1—18. Am Anfang der geistlichen Weltgeschichte steht derDualismus alles Seins, der Gegensatz zwischen der körperlichen und geistigenWelt, den Gott bei der Schöpfung in die Dinge gelegt, aus beiden Sub-stanzen besteht der Mensch als dritte Welt 19— 38. 2 ) Mit dem Sündenfallhebt das Reich des Teufels an, die Sünde ist Störung der göttlichen Welt-ordnung. Der Teufel führt die fünf Weltalter vor Christi Geburt zur Hölle.Christus hat seine Macht vernichtet, durch ihn beginnt die Herrschaft desKreuzes 39—96. Der zweite, der historische Abriß 121—560, gibt in rascherFolge von Kriegen und Reichs- bezw. Städtegründungen einen Überblicküber die Entwicklung des Weltstaates mit Hinleitung auf deutsche Ver-hältnisse. Einzelne, die Geschichte bestimmende Heroen treten hervor.Den Anfang machen Ninus, der Tyrann, der erste Eroberer und zugleichder erste Burgenbauer, Semiramis die Städtegründerin; es folgen die vierheidnischen Weltreiche, dabei der wundersüchtige Alexander {der wunter-liche AI. 326); die vier deutschen Stämme, von denen die Franken undihre Städte mit besonderem Interesse behandelt werden; Cäsar der Kriegs-held, als Begründer der römischen Weltmacht Augustus: da wird Christusgeboren, ein neues Königreich entsteht, dem die Welt alle weichen muß(533 f.), der Gottesstaat Sankt Peters im Zeichen des Kreuzes. Und nungeht der erste Teil (A), der Weltgeschichte und Weltanschauung in ihrenGrundzügen, im Dualismus, vorführt, über in den zweiten, die Legende,indem dem großen Helden der alten, heidnischen Welt, Cäsar, die besserenStreiter, die heiligen Bekehrer, die gegen die Sünde kämpfen lehren, dieKölner Bischöfe, entgegengestellt werden, unter denen Sankt Anno hervor-leuchtet wie der Hyazinth im goldenen Fingerring 561—576. Mit dem Ver-halten Annos in diesem Zwiespalt der zwei Welten beginnt der legenda-
') Ueber die mittelalterl. Weltgeschichts- griechischen Kirchenlehrern (vgl. 36 Annol.),
Schreibung s. Einl. S. 1 ff. und unten Kehr. die er häufig zitiert. Unmittelbarer Einfluß
a ) Hier wirkt Scotus Eriugena ein, der in der Griechen auf den Dichter des Annoliedes,
seinem Werke De divisione naturae (Migne wie Zarncke aaO. 293—298 vermutungs-
122, 439 ff.) das ontologische Problem in weise andeutet, ist nicht wahrscheinlich,ähnlicher Weise auffaßt; er schöpfte aus
Deutsche Literaturgeschichte. II. 10