§ 38. Vom Himmelreich.
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wissenschaftlichen Kenntnisse hat er von seinem Lehrer empfangen (139).Sie entsprechen der scholastischen Naturlehre seiner Zeit. 1 )
Ganz eigenartig ist die Darstellung des Himmelreichs. Die selige Stadtwird von jeher nicht nur als eine Fülle der Schönheit und Freude gedacht,sondern auch als ein Freisein von Leiden, schon Apok. 21,4: „Und Gottwird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nichtmehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerzen wird mehr sein;"ferner „Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten, es wird nicht auf siefallen die Sonne oder irgendeine Hitze" 7,16. Die „negative Schilderung" 2 )wird zur stilistischen Formel durch die Fassung des Caesarius von Arlesbezw. der pseudoaugustinischen Predigten Ad fratres in eremo Nr. 65 u. 67. 3 )Sie ist dann Gemeingut der kirchlichen Sprache geworden und findet sichin der ahd. Literatur im Muspilli 14 f., bei Otfrid I, 18, 9 ff., V Kap. 22 und bes.Kap. 23 als Gegensatz zwischen dem „hier" und dem Himmelreich; dann öfterin frühmhd. Gedichten, z. B. in Himmel und Hölle 85 f. 93—98. Die durchdie Tradition gegebenen Motive hat unser Dichter in platt naturalistischerWeise ins Alltägliche umgeformt, was fast grotesk absticht gegen den über-irdischen Spiritualismus der himmlischen Wohnungen. An Stelle des biblischen.Bildes nee cadet super illos sol neque ullus aestus Apok. 1, 16, das z. B.bei Hrabanus Maurus schon in den einfach prosaischen Bericht ibi nullafrigoris, nulla ardoris asperitas 4 ) abgeblaßt ist, hat er den Vorgang des Ein-heizens: „man legt nicht Block noch Stock ins Feuer." Das Motiv satietassine fame 5 ) macht er klar durch Aufzählung verschiedener Speisen undGetränke und deren Zubereitung, und schließlich ist bei ihm das ganzeLeben der Seligen eine requies sine labore, 6 ) eine sellda äno sorgun 1 )dadurch, daß die Bewohner der himmlischen Herrlichkeit keine Arbeit ver-richten und nicht zu sorgen haben für ihr Tagesgeschäft. Aber in diesemBilde des häuslichen Gewohnheitstreibens steckt doch ein tieferer Sinn: dieirdischen Bedürfnisse, die die menschliche Gebrechlichkeit auferlegt, reichennicht in die Regionen, wo die gewandlosen Leiber vom ewigen Licht um-flossen sind. Es ist die Erfüllung dessen, was der Mönch im Klosterleben,da es seinem von der Natur gebundenen Körper nicht völlig erreichbarist, doch anstrebt: Abstreifung alles Irdischen in völliger Bedürfnislosigkeit.
Eigenartig ist auch die Sprache,-und ist der Versbau, von welchemjene bedingt ist. Die langen Zeilen begünstigen eine Dehnung der Sätzeund des sprachlichen Stoffes. Der Satzbau ist hypotaktisch, außer in denAufzählungen: auch Parallelsätze verwandten Inhalts begegnen nicht selten.Erweitert wird der Inhalt durch mehrgliedrige Wendungen, wie michil unde
') Karl Werner, Die Kosmologie undNaturlehre des scholast. MA.s mit speziellerBeziehung auf Wilhelm von Conches, WienerSB. 75 (1873), 309-403.
-) Steinmeyer aaO.
3 ) Cruel, Pred. S. 15—17; MSD. II 3 , 32 f.
4 ) Erdmann, Anm. zu Otfrid V, 23, 135 ff.(S. 307).
5 ) Cruel S. 17.
6 ) Cruel aaO.') Muspilli 15.