Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136 A - Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.

schluß des großen Weltgebäudes, das Augustin in seinem Gottesstaat er-richtet hat, bildet die Auseinandersetzung über die beiden Städte, die Stadtdes Teufels und die Stadt Gottes (De civ. Dei Buch XXI u. XXII). 1 ) Jeneist die Fortsetzung des irdischen Weltstaates, diese des schon auf Erdenbegründeten Gottesstaates. Auf die Beschaffenheit der Hölle geht Augustinusim einzelnen nicht ein, es ist ein Ort der Pein, des Feuers und des quälen-den Durstes, und auch die Gottesstadt ist nicht in das glänzende Sinnen-bild der Apokalypse gekleidet: es ist ein Ort der Geistigkeit, es ist eineGlückseligkeit, in der die hienieden verborgenen Dinge, die Güte Gottes unddie Schönheit seiner Schöpfung, dem vernünftigen Sinne geoffenbart werden;wahrer Ruhm, wahre Ehre, wahrer Friede wird dort sein, unablässige Wonneund nichts wonnevoller als der Gesang zur Verherrlichung der Gnade Christi,und als Endziel das Schauen Gottes (bes. Buch XXIII, 30). Diese vergeistigteGottesstadt konnte das anschauliche Denken und sinnliche Begehren desMA.s nicht befriedigen. Das ahd. Gedicht Muspilli (LG. I, 141150) gibtdie einfach volkstümlichen Vorstellungen über Himmel und Hölle (1 30),Otfrid besingt das himmlische Reich in einem langgezogenen Preislied alseine Idealwelt ohne Sorgen mit allen Wonnen und ewiger Süßigkeit, schönemGesang, Gesundsein ohne Tod, als ein Märchenland von Lilien- und Rosen-blüte und Wohlgeruch, und als die süßeste Freude das Schauen des Herrn;im Gegensatz zu den Himmelsfreuden stehen hier nicht die Höllenqualen,sondern die Mühsale des irdischen Tränentals (Buch V Kap. 23). Am nächstenkommt unser Stück dem lat. Hymnus Ad perennis vitae fontem, der unterden Gedichten des Petrus Damiani steht. 2 )

Es ist nun begreiflich, weshalb die Beschreibung der Hölle an Umfangund Ausführung hinter der des Himmelreichs zurücksteht: schon die Apo-kalypse enthüllt nur die Herrlichkeit der himmlischen Stadt, Augustinus gehtauf Einzelheiten der Hölle nicht ein, Otfrid spricht gar nicht von ihr undder Hymnus handelt in 20 Strophende gloria Paradisi" und in nur 8depoenis inferni"; einige Hss.. enthalten die Hölle überhaupt nicht. 3 )

Die Verbindung zwischen Himmel und Hölle mit der Bamberger Beichteerklärt sich daraus, daß die Tugenden den Weg zum Himmel bereiten, dieLaster den zur Hölle. So sagt Honorius Aug. in seiner Predigt In -conventufratrum (Migne 172, 1088 A: 4 ) Porro Rex noster misertus suos quondammilites per prascipicia viciorum ad interitum ruere, misit Filium suum eosad amissam miliciam per callem virtutum reducere. Das Thema dieser Pre-digt überhaupt ist der Weg vom Vaterland ins Exil, von Jerusalem nachBabylon, vom Leben zum Tod. Nach der Einleitung folgt eine Aufzählung

') Vgl. auch De symbolo III Kap. 12. | Hymnen IS. 422425;, Erdmann, _Otfrid,

2 ) Der Hymnus ist in mehreren Hss. über-liefert, war also verbreitet und beliebt, erwurde sogar Augustinus zugeschrieben; s.Kelle aaO.; Daniel, Thesaurus 1 S. 118.3 S. 141 ff.; Du Meril, Poesies pop. lat.anterieures au XII. s. S. 131135; Mone,

Var. zu V, 23 u. Erläut. S. 479; Elis. PetersS. 65 ff.; Wilhelm, Komm. S. 61 ff.

3 ) Die Pariser Hs. bei Du Meril, die Karls-ruher bei Mone.

*) Siehe LG. I, 318320.