§ 36. Himmel und Hölle.
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der Tugenden, das sind die Pfade der Gerechten, welche zu dem Mahl derSeligen führen (1090 CD); dann der Laster, die Wege des Bösen, welchezur Gemeinschaft der Teufel führen, dem Pfuhl des Feuers und Schwefels(1092 B). In der darauf folgenden Predigt In conventu populi (Sp. 1093 —1100)werden die Laien belehrt über den Welt- und den Gottesstaat, über denGegensatz der Bürger Babylons und Jerusalems, daß wir hier auf Erdenin der Verbannung leben unter lauter Übel und daß wir zur Hölle eilen,deren Grausen dann beschrieben wird. 1 )
Die Abfassungszeit des Stückes wie die der Bamberger Beichte istnicht genau festzustellen. Durch die strenge, weltflüchtige Reform wurdeder Blick noch mehr auf das Jenseits gerichtet, man erwartete für dasJahr 1000 den Weltuntergang und das jüngste Gericht. Aus solcher Stim-mung werden beide hervorgegangen, also in der zweiten Hälfte des 11. Jhs.entstanden sein. Auch ist das Abhängigkeitsverhältnis von des HonoriusPredigten nicht klar, die Beichte und 'Himmel und Hölle' einerseits, Honoriusandererseits können unabhängig voneinander aus einer andern Quelle oderaus dem allgemeinen Wissen der Zeit geschöpft haben. Die Heimat derBeichte und von 'Himmel und Hölle' ist sehr wahrscheinlich Bamberg, wor-auf die Sprache am ehesten weist.
In der bisherigen Forschung stand längere Zeit das Problem der Formobenan: ist das Stück in reimlosen, vierhebigen Versen oder in Prosaabgefaßt? 2 )
Ein Vergleich mit der Bamberger Beichte' ergibt, daß Himmel und Hölleden gleichen rhythmischen Charakter trägt, 3 ) daß es demnach als ein Prosa-werk anzusehen ist. 4 ) Der Grund, weshalb man leicht vierhebige Kola lesen
l ) Vgl. Wackernagel, Ad. Predigten S.324.Auch Hermannus Contractus (Mönch imKloster Reichenau, f 1054) in seinem Opus-culum diverso metro compositum (a. 1044—46)führt nach einer Geißelung der Laster denSündhaften zur Hölle, deren Qualen be-schrieben werden (E. DOmmler, ZfdA. 13,408—430) und vorher zeigt er den Weg zuden Freuden des ewigen Reichs, der in einemheiligen Leben besteht (S. 396 V. 393 ff.).Vgl. auch Hamburger jüngstes Gericht, obenS 133.
*) Haupt aaO. u. MSD. II S , 159 erklärt esfür ein Gedicht in dem gewöhnlichen Maßeder vier Hebungen und macht dazu auf dieReime und Alliterationen aufmerksam, „aberda keine Regel wahrzunehmen, so ist wederReim noch Alliteration beabsichtigt, und da-mit steht das Gedicht einsam in der alt-deutschen Dichtung da". Richtiger nennt esWackernagel (LG. I 2 , 108, s. auch Ad. Pre-digten S. 324 f.) „poetische Prosa" (doch istWackernagels „ Reimprosa" keine litera-rische Gattung, vgl. Paul, Grundr. II, 2,2. Aufl.S. 64; Rödiger, ZfdA. 30, 84 f.; Norden,Die antike Kunstprosa S. 760 ff.; Wilh. Meyer,Gesammelte Abhandl. II, Reg. S. 386; Ders.,
Carmina Burana S. 165; Wilhelm, Komm.S. 65 ff.); Ficker, Wiener SB. 73, 200 ff.;Paul Perdrizet, Etüde sur le Speculumhumanae salvationis, Paris 1908 S. 3 ff.; undSteinmeyer, MSD. II 3 , 162—164 (vgl. auchv. Steinmeyer, Kl. ahd. Spr. S. 155; Bartsch,Germ. 9, 67 f.; LC. 1882, 1593; Schröder,Götting. Nachr. 1917, 172; Schönbach,ZfdA. 48, 97) zeigt, daß man auch in derBamberger Beichte, die gewiß Prosa ist,längere Partien mit ähnlicher Kolabildungzu vier Hebungen lesen kann. — Daß dieKola für die Zeitgenossen als vierhebigeVerse gelten konnten, erhellt aus der Auf-nahme der V. 99. 101—104 in das jüngsteGericht der Ava. Vgl. MSD. II 3 , 159; Diemer,D. Ged. Anm. S. 73 zu 291, 9; Scherer, QF.7, 75; Rödiger, Anz. 1,66; Wilhelm, Komm.S. 68. 69.
3 ) Siehe Steinmeyer, vorige Anm.
4 ) Auch in der Hs., die sehr genaue Inter-punktion hat (wie die Bamberger Beichte),sind die Punkte nicht nach rhythmischenVersprinzipien gesetzt, sondern nach demSinn der Sätze bezw. Satzglieder. Starke Ab-sätze beginnen mit großen Anfangsbuch-staben.