§36. Himmel und Hölle. 135
Tod ohne Tod, Jammer und Klage, Pech und Schwefelstank, schwelendeFlamme und feuriger Dampf, schreckliche Finsternis, peinigende Strafe ohneRast, Qual ohne Unterlaß, Heulen und Zähneklappern, Wehschreie, unsäg-liche Marter, immer neuer Schmerz ohne Erbarmen, Schmutz und Fäulnis,der Kerker, das Schatzhaus aller Unwonne, Toben der Teufel, wütiger Zornund böser Wille zur Verdammnis den Erben der Hölle in Ewigkeit. So istdas Höllenreich andernteils beschaffen.
Ein bemerkenswerter Unterschied besteht zwischen der Schilderung desHimmels und der Hölle. Jene, viel umfassender, entwickelt sich in fort-laufender Gedankenreihe aufsteigend von der äußeren Beschreibung derGottesstadt (1—40) zu den Bewohnern, den Erben des Himmelreichs undden Engeln, damit zugleich zu der Dreieinigkeit und den drei göttlichenTugenden (41—68), dann weiter durch die geistigen Güter, Friede, Gnade,Gotterkenntnis usw. und durch die himmlischen Freuden zu der höchstenWonne, dem höchsten Gut, dem Schauen Gottes (69—113). Umschlossenist die ganze himmlische Herrlichkeit durch die Person Gottes (am Anfang1 ff. und am Schluß 99 l ) ff.). Aber die himmlische Stadt hat zugleich geistigeBedeutung, also ist auch hier die Erzählung von allegorischer Deutungdurchschlungen: die Edelsteine sind die Heiligen, die Männer Gottes (19—26);die Grundmauern sind die Gottesfreunde, die die Lehren der vier Evangelienerfüllen (27—34); das Gold der Straßen bedeutet (daz meinet 37) dieTrinität (35—40); die goldene Schönheit der Stadt, wie das durchsichtigeGlas, sind die göttlichen Tugenden der Himmelsbewohner, die vor ihreraller Augen klar liegen. — Die Schilderung der Hölle dagegen bewegt sichnur in dem einen Gedanken an ihre qualvolle Pein, auch ist keine allego-rische Auslegung eingeflochten. Damit hat auch der Stil verschiedenenBau: beim Himmelreich ist er mannigfaltiger, stellenweise erzählend, mithäufigem satzeinleitenden da und Abwechslung in den Prädikatsverben, beider Hölle bloß aufzählend mit nur einmaligem Prädikatsverb {da ist 117)und darauf folgenden aneinander gereihten durch nähere Bestimmungenerweiterten Substantiven.
Die eschatologischen Vorstellungen 2 ) vom Leben der Seligen undder Verdammten nach dem Tode gehören zu den bewegenden Ideen des Ur-christentums. In leuchtendem Glänze, festgebaut ragt die Gottesstadt, dashimmlische Jerusalem in der Zukunftsverkündigung der Johannesapokalypse(21, 10 ff.), wo dereinst die Knechte Gottes sein Angesicht sehen werden(22, 3 f.), welche Stelle der Schilderung von der himmlischen gotes bürg(1) in unserem Gedichte zugrunde liegt. Die älteste christliche Ausmalungdes Aufenthalts der Seligen und der Verdammten gibt die Petrusapokalypseim 2. Jh. nach Christus. Derartige Schilderungen, besonders des Paradieses,sind zumal in den ersten Zeiten des Christentums sehr häufig. Den Ab-
l ) Wineskaft, drütscaft, hier Freundschaft I 2 ) Siehe Einleitung S. 8; Elis. Peterszwischen den Seligen und Gott. | S. 63—78 und unten Visionen.