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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 34. Linzer (Gleinker) Antichrist. § 35. Hamburger jüngstes Gericht. 133

folgender deutscher Übersetzung oder Erklärung zu zitieren, verleiht erseiner Darstellung den Charakter eines wissenschaftlichen Traktats; ja, jederder Teile ist von vornherein unter solchen Gesichtspunkt gestellt, indemsie durch Nennung von Autoritäten (Paulus, Hieronymus, David) ein-geleitet werden.

Der Dichter ist in der Behandlung der Sprache geschult, seine Aus-drucksweise ist zwar einfach und nicht stark rhetorisch, aber fließend inwechselndem Satzbau und selten unterbrochen durch unangebrachte Flick-phrasen oder Notreime. Er denkt sich als Lehrer seinem Publikum gegen-überstehend, daher gebraucht er Formeln wie von diu wil ich beginnenvon dem entecriste sagin, die not wil ich nivt verdagin 107, 1416, undfügt öfter ähnliche Anrede- und Übergangswendungen ein, z. B. 114, 26 f.117, 9 f. 25 f. 118, 37 f. 119, 2. 120, 41. 121, 9. 31. 122, 30 f. 127, 4. 129,38. Sie gehören zum Stil der Predigt 1 ) oder der Traktate.

- Die Verse haben ungleichen Umfang, kurze (die die Mehrzahl bilden)wechseln mit langen. Unter den 593 Reimen sind etwa 100 ungenau. 2 )

§ 35. Hamburger jüngstes Gericht.

Kelle 2, 166. 363; Piper, GD. 1, 6265. Ausg.: Lappenberg, Anz. f. Kunde d. d.MA. 3 (1834), 3538; Hoffmann, Fundgr. 2, 135138; Wackernagel, LB. b Sp. 331334;Piper aaO.; Leitzmann, Kl.Ged. S. 12f. 30; Wilhelm, Komm. 1,46; Meyer-Benfey 2 S. 1214.Scherer, QF. 12, 35; Reuschel, Weltgerichtsdichtungen S. 5 f., dazu Zwierzina, Anz. 23,199; Grau, Darstellungen d. jüngsten Gerichtes S. 52. 283286.

Hs.: Öffentl. Bibliothek zu Hamburg, Doppelbl., Perg. 13. Jh., kl. 8°. Bruchstück, An-fang und Schluß fehlen.

Der Dialekt ist rheinfrk., die Orthographie aber ist stärker rheinfrk.gefärbt als im Linzer Antichrist. Abfassungszeit etwa 11401150.

Das Bruchstück enthält die Erscheinung Jesu beim jüngsten Gericht,das Urteil, die Scheidung nach rechts und links, die Klagen der Verdammten: 3 )

Es spricht hier eine andere Persönlichkeit als im Linzer Antichrist, dortlegt der Gelehrte nach wissenschaftlicher Methode die Ereignisse klar, hiererschüttert ein Bußprediger die Gemüter durch die Ausmalung des un-entrinnbaren Gerichts und der hilfesuchenden, rettungslosen Verzweiflung derVerworfenen. Die Macht des Wortes steht ihm zu Gebote, unmittelbar andringenddurch Fragen, Ausrufe, Notschreie. Aber auch sanfte Töne weiß er an-zuschlagen, vom Vater, der die lieben Kinder einlädt zu den himmlischenGnaden. Er kennt die Wirkung der Rhetorik: durch Wiederholungen gewinnter in gehobenen Momenten verstärkte Akkorde, bei der Berufung der Seligenmit den Willkommsworten: cumint mine vil libin kint 4 ) 136, 40 u. 44 (Hoff-mann) und bei der Verstoßung der Teufelskisder 137, 14 f. u. 138, 12 f. (vgl.auch 136, 27 ff. u. 137, 7 f.). 5 )

') Der Antichrist als Predigtthema: Kelle,Speculum eccl. S. 171 ff. Zum Stil s.Wund-rack S. 29"37; Scheins aaO.

a ) WundrackS. 1729; Schröder, Gott.Nachr. S. 341.

3 ) Nahe steht eine Predigt des Pseudo-Chrysostomos, Grau aaO.

4 ) Vgl. Otfrid V, 20, 67 f. Quetnet...liabundruta mine.

5 ) Scherer aaO.; Reuschel aaO.