Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
131
Einzelbild herunterladen
 

§ 33. Wernher vom Niederrhein und der Wilde Mann. 131

des 12. Jhs. Auch einzelne Motive gehören in die volkstümliche Epik: dieRüstung über Meer 4752. 221233; die Meerfahrten 6370.131.143159;Ankunft und Empfang 162174; königliche Ratsversammlung 221 ff.;höfische Bestandteile 115 f. 132. 141. 174; Zahlenangaben 2. 232 f. DerStil ist aber nicht spielmännisch, es sind nur wenige Formeln: Ver. 107.239. 258; Vesp. 266; keine stereotypen Epitheta. Wortpaare sind nicht selten:Ver. 6. 25. 44. 77. 95. 114 f. 119. 121. 147. 220. 261. 398. 429. 485. 523. 529.552. 559. 601. 649; Vesp. 9. 17. 51. 70. 123. 162. 163.178. 222.244. Der Tonder beiden geistlichen Gedichte ist lehrhaft. Hier findet sich das zusammen-fassende uns der kirchl. Gemeinschaft. Girh. hat noch am meisten Anrede-bezw. persönliche Formeln: 9. 12. 18. 21. 125. 143. 175. 222. 239. 333;Wortpaare: 18. 19. 33. 47. 61. 85. 101. 104. 111.147.155. 157. 205. 250. 253.314. 321. 322. 369. 375. 381.402; Fragen: 345-348 (mit ei). 76.125 f. 175-178. 299. 308. 330. 397. 401. Nur weniges Einschlägige enthält die Christi.Lehre 101. 117. 143. 180; 97. 99. 104. 112. 129. 132. 211. 217. Lat. Zitate 1 )mit deutscher Erklärung hat der Wilde Mann im Verhältnis weniger alsWernher. Im Reimgebrauch besteht zwischen beiden Dichtern insofernein kleiner Unterschied, als Wernher etwas mehr unreine Bindungen hat,besonders konsonantische. Im Versbau gelten dieselben Freiheiten. 2 )

Endlich ist die Frage nach dem Verhältnis beider Dichter zu be-rühren. W. Grimm war geneigt, beide für ein und dieselbe Person zu halten;der Pfaffe Wernher habe sich den Namen 'wilder Mann' beigelegt, um da-mit seinen Mangel an Kenntnissen 3 ) anzudeuten. Pfeiffer zuerst hat zwei ver-schiedene Dichter erkannt und zwar aus den Reimen. 4 ) In der Tat abergleichen sich die geistige Auffassung, das Temperament, die sprachlicheForm, der Dialekt, das metrische Gewand bis in Einzelheiten. Der WildeMann hat mehrmals gleiche Motive wie Wernher: Maria Verkündigung Wernh.173-202, Christi. Lehre 8188; Marter und Kreuzestod Wernh. 281 ff., Ver.293 ff.; Adam und Eva Wernh. 320-328, Ver. 226 f. 244-249. 265-272.351362; Bileams Eselin Wernh. 204, Ver. 16 f.; das rote Meer Wernh. 205 f.,Christi. Lehre 5 ff.

Besonders kommt hier die Himmelfahrt in Betracht, Wernh. 545574, 5 )Ver. 597629, denn hier wird es aus der Darstellungsart des Wilden Mannessehr wahrscheinlich, daß er Wernher wirklich gekannt hat; die Fehler gegendie biblische Überlieferung rühren eben daher, daß er die Schilderung seinesVorgängers nicht recht verstand. Das Verhältnis zwischen beiden ist also derArt, daß sich der Wilde Mann Wernher zum Vorbild genommen hat, woraussich die große Ähnlichkeit der beiderseitigen Werke erklärt. Bei allem Gleich-artigen aber finden sich doch auch trennende Züge: Wernher ist ein ge-lehrter Geis tlicher, der Wilde Mann dagegen ist nicht einmal bibelkundig.

') Grunewald S. 27. 29.

2 ) Pfeiffer aaO.; Köhn S. XVIIIXXVII;Schröder, Gott. Nachr. 1918, 424.

3 ) Ausg. S. VII f.

*) Pfeiffer S. 224 f.; die Fälle sind aberdoch zu wenig beweiskräftig.6 ) Kraus S. 67 f.

9*