130 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.
So verknüpfen sich Anfang und Ende des Gedichtes in dem Gedankender Ewigkeit.
Ein einheitlicher Geist zieht durch die vier zum Teil so verschieden-artigen Gedichte: es ist die Lehre der Demut und der Barmherzigkeit,z. B. Ver. 239. 370. 616; Vesp. 39. 183. 218; Girh. 1. 47. 67 f. 84. 185f. 203 f.237. 252 f. 273. 319. 379. 381. 402. 405; Christi. Lehre 99.186. 195. 205. 208.210. Dazu eine Demut der eigenen Person: zwar gehört es zur äußerenForm der Geistlichkeit, seine Unwertheit zu zeigen in Gebärden und inWorten, da die humilitas ein Grundgebot des Christentums und am meistendes Mönchtums ist, aber wie dieser Mann von sich redet, das scheint docheinen persönlichen Grund zu haben: er sagt selbst, er kenne die Bücher(die heiligen Schriften) nicht Ver. 4. 57; er nennt sich einen gebrechlichenMenschen Girh. 2; er hat noch nicht die rechte Richtung fürs Leben ge-funden, immer war er der Sünde verfallen (er hat immer unter die scharfenDorne gesät), mit Leidenschaft, mit innerer Unsicherheit hat er gelebt Girh.161—167; immer hat er um die Eitelkeit der Welt geworben Ver. 54, vgl.492. Aber er fühlt sich zum Lehrer berufen: Ver. 49—62. 653-658, Girh.1-20. 161 — 167, vgl. Christi. Lehre 56-61. 100 f. 115—142. Er war einVolksprediger. Seinen Mangel an Bibelkenntnis verrät er oft: die Königinvon Saba nennt er Austri (Regina austri Matth. 12, 42; Luc. 11, 31) Ver. 25und Christi. Lehre 143; Ezechias hieß die Sonne still stehen Ver. 34—38;das Weib folgt Jesu 89 f. und Jesus predigt vor den Jüngern 135, eh ergetauft wird 197 ff. Jesus barg sich auf einem hohen Steine 218; dieGläubigen folgen ihm auf den Berg Syon 307 f., dann erst wird er an dieSäule gebunden und mit Dornen gekrönt 309 ff.; das Vaterunser lehrt erunmittelbar vor der Himmelfahrt 603 ff.; Unklarheit besteht über die Auf-fahrt Christi und die Anrede „Viri Galilei".
Die Sprache des Wilden Mannes trägt kein besonderes Gepräge, sowenig wie die Wernhers vom Niederrhein. Der Satzbau ist etwas einfacherals bei Wernher, besonders in den erzählenden Partien eher parataktischals in Nebensätzen ausgedehnt. Die größere sprachliche Gewandtheit Wernherskann man besonders beobachten, wenn man die Darstellung der Wunder Gottesin den Vier Rädern mit jener des Wilden Mannes Ver. 7—46 vergleicht.
Innerhalb der vier Gedichte des Wilden Mannes selbst besteht ein ver-schiedener Stimmungston: in den erzählenden Partien ist er anders als inden belehrenden, demgemäß haben Veronica und Vespasianus historischenStil, die Girheit und die christliche Lehre didaktischen. Anschaulichund in naiver Realistik sind einige Szenen in der Veronica dargestellt, gleich-sam Genrebilder, wie der Besuch Jesu bei Veronica 171—196; die Grab-legung 399—442; der Gang nach Emmaus und das Mahl daselbst 481 — 542.Die Geschichte von der Fahrt ins heilige Land und der Eroberung derheiligen Stadt ist zeitgemäß und entspricht dem höchsten Interessekreis derKreuzzüge. Hierin steht Vespasianus in der Reihe der Spielmannsgedichte