§33. Wernher vom Niederrhein und der Wilde Mann. 129
Die Veronicalegende ist die „Sage vom Ursprung der Christus-bilder". 1 ) Sie ist in verschiedenen Fassungen erzählt worden. Unsere Zeug-nisse reichen bis ins 8. Jh., älter aber, schon im 4. Jh. überliefert, ist dieursprünglichere Legende von Abgarus, dem König von Edessa, von welcherdie Veronicalegende eine Abzweigung ist. Nur in einigen Fassungen ist derGegenstand, in dem sich Christi Gesicht abprägt, ein Handtuch, in anderenreicht Veronica ihm, da er zum Kreuzestod geht, ihren Schleier, um sichden Schweiß abzutrocknen (das Schweißtuch der Veronica). Die Kaiserchronikenthält 690—1110 ebenfalls die Veronicalegende. Der kranke Herrscher istdort Tiberius, Veronica ist das blutflüssige Weib, das Jesus nachfolgte, dieEntstehung des Bildes, also der Inhalt des Gedichtes Veronica, fehlt ganz.Was in der Kaiserchronik erzählt wird, entspricht also dem Vespasianusdes Wilden Mannes.
Die beiden andern Stücke sind rein geistlichen Inhalts. 3. Von dergirheide, wie das dritte Gedicht von W. Grimm überschrieben wurde nachV. 21, ist eine christliche Morallehre, in der der Dichter nach einer Ein-leitung mit der Bitte um Beistand des heiligen Geistes und Angabe desZwecks seines Werkes (1—20) heftig gegen die Habsucht kämpft {girheit),dazwischen auch stark gegen den Übermut, auch gegen den Hochmut derBesserwisser, der Spötter (255—272), unter Vorhaltung der höllischen Zu-kunft (21 —44 und besonders am Schluß 340—371). Seine Predigt ist belebtdurch Beispiele aus der Bibel (160), aus der Geschichte (Jugurtha 73—82),aus Natur und Leben (21 ff. 175—246.255—272.273—291 [vgl. auch 13—17] 2 )333—339). Demut, Geduld und Barmherzigkeit sind die Heilmittel zumewigen Leben (bes. 375 ff.): es sind die Lebensbedingungen der Unter-drückten und die besonderen Pflichten der Herrschendep, die der Dichterlehrt, auch er einer der vielen Prediger, die eintreten für die Armen gegenden Übermut und die Unbarmherzigkeit der Reichen.
4. Die „Christliche Lehre" beginnt mit dem Schauen Gottes, das istdas Volk Israel, das von Moses mit dem Stabe, das ist Maria, durch dasrote Meer geführt wurde. Der erste Teil lehrt in Bildern die unbefleckteEmpfängnis: von der barmherzigen Magd kam der Heiland, der uns amKreuz getröstet hat (1 — 114). Ein Übergang, Beati qui audiunt, selig derdas Wort Gottes gerne hört (115—142), weckt die Aufmerksamkeit und führtzum zweiten Teil (143—222), den Tugenden. Die erste ist die Weisheit, ohnedie man keine Tugend haben kann (143—168). Wir können sie aber nurgewinnen, wenn wir den Glauben lieben (truwe 169—182), den Weg derDemut betreten {ötmüdicheit 183—194) und Barmherzigkeit (195—217)haben. Die Lehre schließt mit dem ewigen Leben: dahin führt die Weisheit.
*) W. Grimm, Die Sage vom Ursprung derChristusbilder, Kl.Schr.3,138—199; K.Pear-son, Die Fronica, Straßburg 1887; Mass-mann, Kehr. 3, 573—590; Schönbach, Anz.
2, 162 ff. 199 ff.; Piper, Höf. Ep. 3, 724; s.Buschs Legendär u. Pilatuslegende; Strauch,Enikel S. 379. 427.2 ) Vgl. Kraus S. 59.
Deutsche Literaturgeschichte. II. 9