§33. Wernher vom Niederrhein und der Wilde Mann. 127
geschichte W. vom Niederrhein genannt. Das Gedicht ist in der Hs. über-schrieben Di vier schiven (so auch am Rand bei 87), d. h. Die vier Scheibenoder Die vier Räder (mhd. schibe Scheibe, Kreis, Rad).
Inhalt. Das Gedicht ist eine Allegorie. I. Einleitung 1—24, der ethische Gedankeist entnommen aus Eph. 3, 17—19: die Liebe als erstes Menschengebot, die alle Weitendurchdringt, die Tiefe, die Breite, die Länge, die Höhe, und das Erlösungswerk Jesu alsweltumfassende Liebestat. Klar ist die große Idee von der welterlösenden Liebe Jesu nichtdurchgeführt, es verschlingen sich die allegorischen Gebilde: die vier Dimensionen werdenmit den vier Enden des Kreuzes in Verbindung gebracht (von den [der Hs.] vier Endenbei 24, vgl. auch 26). — II. Hauptteil 25—660. Die Bibelstelle, welche allegorisch ge-deutet wird: die vier Räder des Wagens Aminadabs HL. VI, ll. 1 ) Diese vier Räder und dievier Enden des Kreuzes bedeuten die vier hauptsächlichen Liebestaten des Erlösers: Ge-burt, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt.— III. 661—690. Den Schluß bildet eine neue Vierzahl,vier Straßen, von denen aber nur drei, die Breite = Liebe Gottes, die Länge = NachsichtGottes in der Sündenvergebung, die Tiefe = Hölle, ausdrücklich genannt sind, während dieHöhe (= Himmel) in dem Wunsch der letzten Verse (685 ff.) inbegriffen ist, Gott mögeuns bei sich, also im Himmel, eine Stätte verleihen.
Formal ist das Gedicht ein wissenschaftlicher Traktat, in dem die schlichteErzählung der Evangelien vermittelst der versinnbildlichenden Methode durch-woben ist mit Vergleichen aus dem alten und dem neuen Testament, ausdem Physiologus oder aus dem alltäglichen Leben. Die Art, in welcher diebeiden Gedankenreihen, die historischen Ereignisse des Lebens Jesu unddie darauf bezogenen Bilder, miteinander verbunden werden, ist wesentlichverschieden von der Symbolik des Ezzoliedes: in jenem mächtigen Kirchen-gesang sind die Bilder selbstwirkende Tatsachen, in der gelehrten Abhand-lung Wernhers werden sie ausdrücklich als Bilder, als Vergleiche angeführtund oft eingeleitet durch die kennzeichnenden Worte dat bizeichinit, datis. Das ist die gelehrte Methode und ihr entspricht der Stil überhaupt.Der Satzbau ist hypotaktisch, z. B. bes. 203—244. Anaphorische Reihenbilden die Sinnbilder Mariens 249—262, ferner 79—86. 147 f. Schematischregelnden Schulgeist beweisen Gegenüberstellungen wie 399—404. 478 f.629—632, vgl. auch 365 f. 530. Stilistisch ist dieser Abhandlungston ein-fach und schmucklos gehalten, aber stark formelhaft. Nicht gerade häufigsind Paarglieder: 47. 64. 73. 280. 283—286. 307. 361. 486. 514. 548. Sehroft sind Formeln an die Hörer eingestreut: 17. 21. 25 f. 29. 52. 78. 109.115 f. 127. 265 f. 315. 374. 426. 441 f. 444. 447. 459. 499. 661. Beziehungenauf die eigene Person: 87—89. 96. 271. 419. 569. 665; 118. 664; 203. 264.267. 534; 444. Quellenberufungen: 158. 382 f. Hervorhebende Bemerkung:607. Bibelstellen werden im lat. Urtext zitiert und meist unter Einleitungvon dat quid ins Deutsche übersetzt. 2 )
Metrik. 8 ) Reinheit der Reime ist Regel, die nicht gerade häufigen un-
J ) Kelle S. 335f.; Köhn S. 87f.; KrausS. 64; ferner Hrabanus Maurus, Migne 107,210; Honorius Aug. Expositio in Cant., Prol.,Migne 172, 353 AB.; Alanus, Anticlaudianus,
Migne 210, 519 ff.; Williram ed. Seemüller XXVII
§ 108 S. 48 f.; S. Trudperter HL. ed. Jos.Haupt S. 102, 5 ff.
2 ) Grunewald S. 19 f.
3 ) Pfeiffer S. 224 f.; Köhn, Einl. S. XVIII—