126 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.
sprechend dem Gegenstand eines Passionsspiels, vielleicht mit einer frühereEreignisse im Leben Jesu enthaltenden Einleitung. Das entspräche dem Um-fang des Benediktbeurer Oster- bezw. Passionsspiels.
Sprache und Verskunst sind ganz mittelmäßig. Der Stil ist schondurch die eben vorgebrachten Einschiebungen und Einflickungen gekenn-zeichnet. Die Verse sind ungleich gebaut, neben kurzen stehen sehr lange.Die Reime sind vom Standpunkt der Mundart aus rein; häufig sind Bin-dungen auf Fremdwörter, dreimal kommt der Reim pylatas : das (sus) vor(25. 35. 55).
Eine literarische Bedeutung kommt dem Stücke damit zu, daß es dasfast einzige Beispiel in der mhd. Literatur ist für Einwirkung des Dramasauf die erzählende Dichtung.
§ 33. Wernher vom Niederrhein und der Wilde Mann.
Zusammen zu nennen sind diese zwei Dichter: ihre Werke, die in einund derselben Hs. stehen, sind sich in Inhalt und Form sehr ähnlich, sosehr, daß man beide früher für ein und dieselbe Person hielt.
Kelle 2, 134 f. 198 f. 205 f. 335 f. 380. 384; Piper, GD. 2, 26—28. 114 f. 117. — Ausg.:W.Grimm, Wernher vom Niederrhein, Göttingen 1839; Karl Köhn, Die Gedichte desWilden Mannes und Wernhers vom Niederrhein, Schriften zur Germ. Philol. 6. H., 1891,dazu Leitzmann, Archiv 88, 410 ff.; Kraus, Anz. 19, 54—69; Behaghel, LitBl. 1894,147 f. —Scherer, QF. 12,122 f. Textkritische Beiträge: W. Grimm, Zf dA. 1,423—428; Pfeiffer, Germ. 1,223—233; Conr. Hofmann; ebda 2, 439 f.; v. Bahder, ebda 30, 396—399; Sprenger, Beitr.zur deutschen Philol., J. Zacher dargebr., S. 121—146; John Meier, Beitr. 15, 334—336.
Hs.: Die Werke beider Dichter sind überliefert in der Hs. Cod. I. 81 der kgl. Bibliothekin Hannover, 1 ) früher, laut Randbemerkung auf der ersten Seite v. J. 1455, im Karthäuser-kloster zu Köln, kl. 8°, perg. 13. Jh. Die Hs. enthält auf Bl. 94a—133a die vier Gedichte desWilden Mannes: 2 ) 1. Veronica, Bl. 94a—105a, 2. Vespasianus 105^—110a, 3. Von der Girheit110a—117a, 4. Christliche Lehre 117a—121a. Darauf folgt nach vier Zeilen des Schreibers(Wunsch für seine Seligkeit) das Gedicht Wernhers vom Niederrhein „Die vier Räder"Bl. 121a—133a. Der Schreiber hat auf Bl. 137a und 137b m 51 kunstreichen Versen eineNachschrift persönlichen Inhalts angefügt, 3 ) worin u. a. gesagt ist, daß er ein junger Mann(Köhn 3) namens Henrich sei (38) und das Buch auf Veranlassung einer Frau Bele ge-schrieben habe (26 f.). Der überlieferte Text hat außerordentlich viele Fehler, die von einemunsorgfältigen Schreiber, aber nicht erst unmittelbar von dem unserer Handschrift, herrühren. 4 )
Die Sprache 5 ) beider Dichter ist mittelfrk., aus der Gegend von Kölnoder mehr rheinabwärts; es finden sich aber darin Spuren einer südlicherenMundart, bes. im Dentalstand (t für mfrk. d).
Wernher vom Niederrhein.
Der Verfasser nennt sich im letzten Vers 69: DU dihte (dithe Hs.) derphaffe Wernhere\ seiner Heimat entsprechend wird er in der Literatur-
') Massmann, v. d. Hagens Germania 1,170—177; W. Grimm, Vorrede S. 111— VIII;Köhn, Einl. S.VII— X: Nörrenberg, Beitr. 9,412—421.
2 ) Ueberschriften hat die Hs. nur vor derVeronica: DU ist Veronica und vor den„Vier Rädern": Di vier schiven. Die Be-nennungen der andern drei Gedichte rühren
von W. Grimm her.
3 ) W. Grimm S. IV— VI; Köhn S. VIII—X.
4 ) Die textkrit.Lit. bis! 891 verzeichnet KÖHN,Einl. S«. XXXVII f.; ferner bei Kraus aaO.
6 ) Ueber die Sprache s. Sprenger aaO.121-130; Köhn S. X—XVIII, aber dazuKraus und Behaghel aaO.; vgl. fernerNörrenberg aaO.