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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 31. Baumgartenberger Johannes Baptista. § 32. Christus und Pilatus. 125

§ 32. Christus und Pilatus.

Ausg.: Bartsch, Germ. 4, 245 f.; Kraus, D. Qed. S. 6264 u. 246249. Scherer,QF. 12, 35; v. Kraus, ZfdA. 50, 333 f.

Hs.: Pergamentdoppelbl. vom Ende des 12. Jhs., verloren.

Der Dialekt ist der von Thüringen, hier ist auch die Heimat des Ge-dichtes; 1 ) Entstehungszeit: Ende des 12. Jhs. 2 )

Der Inhalt bewegt sich hauptsächlich in Gesprächsform. Die einzelnenRedeabschnitte haben als Kernsatz ein lat. Zitat aus den Pilatusszenen derEvangelien, 3 ) diese lat. Sätze sind sofort ins Deutsche übersetzt mit dereinleitenden Formel daz spricht. Der ganze Aufbau von Rede und Gegen-rede ist dramatisch wirksam, die Anklage der Juden dreht sich um die eineFrage: dieser will sich zum König machen. Darum ist treffend an den An-fang die Anredeaue, rex iudeorum" 8 gesetzt und, gegen die Bibel, demPilatus in den Mund gelegt.

Diese dramatische Gestaltung des Stoffes hängt mit dem Ursprung desGedichtes zusammen. Es steht in naher Beziehung zu dem BenediktbeurerPassionsspiel, dem Ludus paschalis sive de passione Domini der CarminaBurana 1 ) (13. Jh.). In der Pilatusszene dieses Benediktbeurer Passionsspiels 5 )kommen sechs der sieben lat. Zitate des deutschen Gedichtes fast wörtlichvor (es fehlt nur sanguis eius ... 50); doch in etwas anderer Anordnung,denn das lat. Drama ist nicht so folgerichtig aufgebaut. Die Jesus betreffen-den Stellen des lat. Werkes fehlen in den deutschen Fragmenten, sie hattenin der Lücke zwischen Bl. A und B ihre Entsprechungen. Auch der Ge-brauch, die lat. Bibelworte sofort von der deutschen Übersetzung folgen zulassen, weist auf das geistliche Schauspiel. 6 )

Man kann nun die Arbeitsweise des deutschen Dichters beobachten: erhat als Gerüste die maßgebenden Bibelstellen benutzt außer den lat.zitierten noch andere: 1. 11 f. 24. 33 f. 3543. 6164 und hat denbiblischen Text unnötig und mit dürftigen Worten erweitert und verdeut-licht: 37 Empfang Jesu durch Pilatus mit der fehlerhaften Behauptung,Jesus sei wieder nach Jerusalem gekommen; andere überflüssige Erweite-rungen: 22 f. 2729. 49. 57. 62; Hindeutungen auf die Zukunft: 53 f. 60;Vergleiche: 10. 46; Flickformeln: 18 = 48. 19. 40. 41. 64.

Wie weit ausgedehnt das ganze Gedicht war, ist aus unsern Bruchstückenschwer zu schließen, jedenfalls bildete die Pilatusszene nur eine Episode.Vermutlich erstreckte sich der Inhalt nur auf die Leidensgeschichte, ent-

') Kraus S. 246.

2 ) Die Hs. soll nach Bartsch aus demEnde des 12. Jhs. stammen. Nach Reim-gebrauch und Sprache könnte man das Ge-dicht auch erst in das 13. Jh. heruntersetzen.

3 ) Die Bibelstellen sind verzeichnet beiKraus S. 6264 in den Varianten. Sie sindden Ev. Matth., Luc. und Joh. entnommen.

*) Schmeller, Carmina Burana 2 S. 95107;W. Meyer, Fragmenta Burana passim (bes.

S. 64 f.). Die Quelle des deutschen Ge-dichtes scheint eine dem Benediktbeurer Textedes Ludus paschalis verwandte, doch ältereFassung (12. Jh.?) gewesen zu sein; fernersteht die kleine Benediktbeurer Passion(W. Meyer Tafel 5-7 und S. 122124).

6 ) Schmeller S. 102104.

6 ) Wackernagel, LG. I 2 , 397 Anm. 54;Grünewald S. 15 f.