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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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119
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§27. Die Gedichte der Ava. 119

Das Leben Jesu der Ava ist ein Beispiel dafür, wie man zu ihrer Zeitdie biblische Geschichte des neuen Bundes auffaßte. Der Bericht der Evangelienwurde nicht lediglich einfach wiedergegeben, sondern es wurden Erweite-rungen eingestreut. Seltener natürlich sind dies ganze Themata wie hierdie Klagen am Kreuze 16931722, der Empfang Christi im Himmel 20392112, die 4 Evangelisten 22032268 und unmittelbar darauf die 7 Gabendes Geistes 22692418, beide letzten Stellen im Anschluß und in inneremZusammenhang mit der Ausgießung des heiligen Geistes; sehr häufig aberEinschaltungen einzelner oder auch mehrerer Verse, die den Gedanken inirgendeiner Weise erweitern: dogmatisch erläuternd oder begründend 1114.377 f. 447456. 466469. 482484. 530532. 15911600. 16491658.17271730. 17831790 (darin die Abälardsche Trinitätsformel Macht,Weisheit, Güte). 20812114; nähere Bestimmung einer Person: 202. 208.578. 580. 582. 594604. 812. 1562; typologisch (allegorisch): 169180.262-282. 300304. 445456. 1664-1670; ermahnend: 297299. 1692.21052112. Es gehörte aber zur Kenntnis von Christi Wirken nicht nursein Erdendasein, sondern auch die Vollendung der Dinge durch ihn alsWeltrichter, daher an die Erzählung der Evangelien noch der Antichrist undder jüngste Tag mit Verdammnis und Seligkeit angeschlossen werden.

Quellen für die Geschichte Jesu sind durchaus die Evangelien und dieApostelgeschichte, nur kurze Einzelheiten sind aus sonstiger Tradition ge-schöpft, ebenso beruhen die Angaben über das Weltende auf dem der Zeitgeläufigen Wissen. 1 ) Gesondert jedoch zu betrachten ist der Einschub vonden sieben Gaben des heiligen Geistes (22692418). Dieser steht inengem Zusammenhang mit der Abhandlung De quinque Septenis des Hugovon St. Victor 2 ) und die Übereinstimmung ist so weitgehend, daß an einerAbhängigkeit der Dichterin von Hugo nicht zu zweifeln ist. In dem deutschenGedicht werden der Reihe nach die 7 Gaben aufgezählt; verbunden damitsind 7 Seligpreisungen, zugleich sind die 4 Elemente hineinverflochten, dieErde mit dem Geist der Gottesfurcht 2279, das Feuer mit dem der Güte2298, das Wasser (nezzede) mit dem der Weisheit 2308, die Luft mit demder Tapferkeit 2324. Hier auch treffen wir, und zwar zum erstenmal inder deutschen Literatur, wirklich mystische Empfindung in dem AusdruckGottes Weisheit schmecken, dasist^eine unaussprechliche Süßigkeit" 2365 f.,vgl. Sapientia namque.a sapore dicitur: cum mens gustu internae dulcedinistacta . . . Hugo v. S. Victor, Migne 475, 110 B.

Der Stil 3 ) ist der denkbar einfachste, ohne jeglichen rhetorischen Schmuck,schlicht werden die Dinge erzählt oder die Gedanken entwickelt. An manchenStellen aber spricht sich die innere Teilnahme der Dichterin in bewegteren

') Zur Quelle des jüngsten Gerichts s.Langguth S. 131133; Reuschel, Welt-gerichtsdicht. S.3740; Elis. Peters S. 78 ff.

2 ) Migne 175,405414; s. auch den Stamm-baum der Tugenden Migne 176,1010. Alb.

Liebner, Hugo v. St. Victor 278282. Vgl.auch den dem Bernhard v. Clairvaux zu-geschriebenen Sermo de Septem gratiis seudonis Spiritus sancti V. 306308.3 ) Langguth S. 68105.