§ 27. Die Gedichte der Ava.
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Chroniken (auch in dem Necrologium von Melk) noch das Datum des Todes:VII. bezw. VIII. Id. Febr. Die Erwähnung des Todestages dieser Frau inden Melker Annalen, die sonst mit solchen Angaben sparsam sind, läßtschließen, daß diese inclusa (eine in einer Einzelzelle nach strenger Regellebende Klausnerin) in jenen Gegenden eines hohen Ansehens genoß undsie- wird in der Tat unsere Dichterin gewesen sein. 1 ) Danach wäre die Ab-fassung des Buches vor das Jahr 1127 zu setzen. Ava ist die ersteDichterin in deutscher Sprache, deren Name uns überliefert ist. IhreKlause lag wohl am ehesten in der Nähe des Klosters Melk an der Donauin Niederösterreich. Da sie aber von ihren Kindern spricht, so lebte sieeinst in der Welt und hat sich erst später als Büßerin in die Einsamkeitzurückgezogen. Kärglich nur sind die Mitteilungen, die sie am Ende ihrerArbeit über sich macht: sie enthalten die Verfasserangabe, „dizze buchdihtöte zweier chinde muter", dazu als letzte Worte „daz istÄvä"; fernerdie Personen, die ihr die Quelle überlieferten, ihre Söhne, die „sageten irdisen sin"; und endlich die Bitte an die Leser, den verstorbenen Sohn inihr Gebet aufzunehmen und dem lebenden, der noch in den Mühsalen derWelt schwebt, 2 ) und ihr selbst, der Mutter, Gottes Gnade zu wünschen.Aber diese einfachen Zeilen sagen noch viel, viel mehr; es spricht nichtnur die Verfasserin eines frommen, gottseligen Werkes, es offenbart dieMutter in natürlicher Menschlichkeit ihre innersten Gedanken, und die sindbei den Söhnen, bei dem toten und bei dem lebenden. Tiefe Sehnsuchtliegt in den einfachen Worten: „Es war eine große Freude unter ihnen, derMutter waren die Kinder lieb, der eine ist von der Welt geschieden." SolcheÄußerungen rein menschlichen Empfindens hören wir so selten aus derdeutschen Literatur jener Zeit. 3 )
Das Werk der Ava umfaßt das Leben und Wirken Jesu von seiner Ge-burt bis zu den letzten Dingen und läßt sich in folgende Abschnitte teilen:
I. Das Leben Jesu (Piper S. 140, 1—196, 1692 u. S. 275, 1693—299, 2418);
II. Der Antichrist (S. 299, 1—303, 118); III. Das jüngste Gericht mitHölle und Himmelreich (S. 304, 1—316, 392); darauf folgt das Schlußwortder Dichterin (S. 317, 393—406). Das in der Görl. Hs. vor dem Leben Jesuenthaltene Gedicht von Johannes dem Täufer (Piper S. 129, 1—140, 446)ist ein selbständiges, in sich abgeschlossenes Stück, 4 ) kann aber immerhin
') Dagegen Kelle S. 160 f. — Das Stückvon den 7 Gaben setzt Beziehungen zu Hugov. St. Victor voraus. Dieses Thema überhauptist von der Mystik stark gepflegt worden, esist also höchst wahrscheinlich, daß hier Ein-wirkungen Hugos und Bernhards v. Clairvauxauf das deutsche Geistesleben vorliegen. Dannaber würde Avas Werk nicht wohl vor 1127entstanden sein können, sondern erst etwain die Jahre zwischen 1130 und 1140 fallen,und die 1127 verstorbene Ava inclusa könntenicht die Verfasserin sein.
2 } Vgl. Otfrid I, 18, 23. 27.
3 ) Diemer hat aus den geringen Andeu-tungen weitgehende Schlüsse gezogen: diebeiden Söhne seien Hartmann, der Dichterder Rede vom Glauben, und Heinrich vonMelk, denen er dann noch eine große Zahlder frühmhd. Dichtungen beilegt (S. XVI —XXXVIII) ; doch Diemer, Wiener SB. 48 (1864),Anm. zu 1166.
4 ) Die Stellung dieses Gedichtes vonJohannes d. Täufer zu dem Hauptwerk, demLeben Jesu, ist nicht ganz klar. Erzählt wird