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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 23. Die jüngere Judith. 109

Belehrungen, jedoch mit den Freiheiten des geistlichen Übersetzerstils:er verlängert den Text oder verkürzt ihn zuweilen, das heißt er verwässertihn. Der oft knappe Bibelstil erforderte wohl zum Verständnis der Zuhörer,die mit den alttestamentlichen Verhältnissen nicht vertraut waren, ein näheresEingehen auf den'Gegenstand und eine gemächlichere Auseinandersetzung;aber die Zutaten des Dichters gehen allzusehr ins Breite und sind oft nurlangstielige, aber geringhaltige Umschreibungen einfacher Grundgedanken. 1 )Er schafft mit einem geringen Material von Vorstellungen und Worten. Per-sönlichen Ausdruck, wie etwa der Dichter der Wien-Milstäter Genesis, hater seinem Werke nicht zu verleihen gewußt, 2 ) es fehlt auch jene Teilnahmean den Menschen und ihren Schicksalen, die die Erzählung mit Wärmedurchdringt.

Man sieht die Arbeitsweise des Dichters: er verweilt bei epischen Motivenund führt sie in der herkömmlichen Stilisierung aus.

So hat er in Artaxersis und Nabuchodonosor den Typus des heidnischen Königs ge-zeichnet, so benutzt er die kurzen Worte vom Untergang Arphaxads durch Nabuchodonosor:pugnavit contra Arphaxad et obtinuit eum Vulg. 1, 5 zu einer Schlachtschilderung 130, 1526.Und wiederum kann man hier seine Unselbständigkeit beobachten: er findet nur altbekannteWendungen und bringt es zu keinem belebten Schlachtenbild. Er hält sich sklavischan das, was die Bibel ihm bietet, nach den zwei Punkten pugnavit contra Arphaxad undobtinuit eum 3 ) gliedert er seine Auseinandersetzung in Kampf 130, 1520 und Niederlage2026. Dann wird im Anschluß an die Ortsangabe Vulg. 1, 6 noch einmal auf den Kampfzurückgekommen und die Örtlichkeit umständlich auseinandergesetzt 130, 26131, 13, dazubedarf er zuerst dreier Flickverse als Überleitung 130, 2630; das Wort uelt, für den Sinnnotwendig {in campo magno Vulg.), ruft dann den Vers mit dem Reimwort gezelt hervor,die Übersetzung von circa Euphiaten et Tigrin erfordert dann wieder drei Zeilen 131, 25.Schleppend entwickelt sich die Ratsversammlung 133, 427 = Vulg. 2, 24, mit ungeschickterWiederholung von dreimaligem gereit sin 133, 14. 21. 26, zweimaligem geuiel wol 20. 23.

Seltener hat der Dichter den Bibeltext gekürzt, und dann am unrechtenOrte. Er hat keinen Sinn für die Überzeugungskraft des Gebetes, mit demJudith den Beistand Gottes erfleht (Kap. 9), noch für die Glaubensstärke,die aus ihrem Triumphlied spricht (Kap. 16, 121); er übergeht dies ein-fach: ihr Gebet war sehr groß, Gott möge sie behüten, denn kein Gott ist"ohne dich, Herr Gott erhöre mich 160, 24161, 1. 179, 1720. Was erdazu getan hat, um den fremden Stoff in seine Zeit zu übertragen, wie etwadie obengenannte Schlachtschilderung, ist nicht viel. Selbstverständlich sinddie ritterlichen Standesbezeichnungen wie uursten, herzogen unde grauengebraucht, 133, 6. 175, 24 ff., denn das sind einfach Übersetzungen vonmajores natu, duces, principes, so auch manige helde 133, 8 = bellatoresVulg. 2, 2, doch nur zweimal riter 153, 9. 163, 27 und einmal holden 146,13; oder kriegerische Ausdrücke, die zu dem epischen Stil gehören, wiehelde 133, 8. 147, 15, manigen hell balt 130, 14, ähnlich 174, 23, manigenchvnen man 134, 26, des tnichel{n) hers chraft 135, 25, des hers schal 135,

die Angabe, daß Arphaxad im Kampfe fiel,

J ) Vgl. Pirig S. 5 f. 35 ff.

s ) Das Wenige dieser Art s. bei Pirig S. 33 f.

3 ) Vielleicht enthielt seine Vorlage noch

Pirig S. 36.