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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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108 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.

den Stoff zusammengefaßt darzustellen. Jedes der beiden historischen Liederumfaßt einen in sich abgegrenzten Ausschnitt aus der alttestamentlichen Ge-schichte. Auch in der m.alterl.-lat. Dichtung gab es solche biblische Einzel-gedichte, wie z. B. die oben angeführten Versus de Judit et Holofernem unddie in der ZfdA. 23, 268 ff. darauf folgenden Gedichte von Hester undMardocheus und De Diuite et Paupere zeigen. Die weitere Frage ist nun,ob beide Gedichte auch verschiedene Verfasser haben. Die Verskunst istdie gleiche, aber die Sprachbehandlung nicht: das Gedicht von den drei Jüng-lingen hat den einfachen Erzählerstil, die Judith trägt ausgesprochen spiel-männischen Charakter. Jedenfalls sind also zwei stilistische Typen fest-zustellen. Nun ist es ja nicht ausgeschlossen, daß ein und derselbe Ver-fasser je nach seinem Bedarf unter bestimmten Gründen zwei verschiedeneStilarten anwendet. 1 ) Aber eben ein Grund für verschiedene Sprachgebungliegt in dem Stoff nicht vor, die drei Jünglinge hätten ebensogut in spiel-männischem Gewände dargestellt werden können wie die Judith. Also wirdman wohl, wie zwei verschiedene Gedichte, so auch zwei verschiedeneVerfasser anzunehmen haben. Der Dichter der Judith war also ein rheini-scher Spielmann, 2 ) der Ton seines Gedichtes ist weltlicher gestimmt alsder der beiden vorhergehenden Stücke.

In den drei biblischen Dichtungen ist der Stoff jeweils in besondererWeise aufgefaßt: das Lob Salomons ist eine didaktische Allegorie, darin dieDrachengeschichte eine Wundererzählung, ein Märchen; die drei Jünglingesind eine Legende, die Judith ist ein heroisch-episches Lied.

§ 23. Die jüngere Judith.

Kelle 2, 155 f. 356 f.; Piper, QD. 1, 204206. Ausg.; Diemer, D. Ged. S. 125180,Anm. S. 48-57, Einl. S. XLII. Scherer, QF. 7, 5659. 12, 69; Jos. Pirig, Diss. Bonn1881, dazu Vogt, Lit.Bl. 1882, 173 f., Steinmeyer, Anz. 7, 332 f.

Hs. Vor.Hs. Bl. 100<=108<i.

Der Dialekt des Gedichtes in der Hs. ist bair.-österreich., mit wenigen alemannischenFormen. 3 ) Seine Heimat ist doch wohl Österreich; entstanden ist es um 1140.

Inhalt. Erzählt wird die Geschichte der Judith. Voran geht eine längere Einleitung127, 1128, 19, die in drei Teile zerfällt: 1. Empfehlung des Werkes 127, 16. 2. Polemikgegen die übelwollenden Kritiker (tüdeere, spottere) 127, 616. 3. Sittliche Lehre des Ge-dichtes mit Angabe des Inhalts: das hebräische Volk ist ein Beispiel dafür, daß Gott diebeschützt, die seiner Lehre und seinen Geboten gehorsam sind, wie Gott an diesemschwachen Weibe bewiesen hat 127, 16128, 19.

Der biblische Text und das deutsche Gedicht entsprechen sich folgendermaßen: Vulg.Kap. 1 = 128, 20132, 28; Kap. 2 = 132, 28138, 13; Kap. 3 = 138, 14140, 14; Kap. 4 =140, 14143, 6; Kap.5= 143, 6-147, 13; Kap.6=147, 13150,22; Kap. 7= 150, 22155,27; Kap. 8 = 155,27160, 22; Kap. 9 = 160,22161,1; Kap. 10 = 161,2-164,13; Kap..ll =164, 13167, 7; Kap. 12 = 167, 7-170, 6; Kap. 13 = 170, 6-174, 1; Kap. 14 = 174,1-176,22; Kap. 15 = 176, 23179, 17; Kap. 16 = 179, 17180, 29.

Die Quelle ist eine Vulgatahs., die von der Itala beeinflußt ist. DerDichter folgt der Bibel Schritt für Schritt, ohne dogmatische oder allegorische

*) Vgl.Die geblümte Rede", Beitr. 22, 322. I 3 ) Waag, Beitr. 11, 119122.2 ) MSD. II 3 , 237.