§22. Judith. - 107
es nicht an, die bleiben der Auffassung der Hörer überlassen, soweit siesich darum kümmern, denn dieses Publikum verlangt gar keine im Innernbegreifliche und folgerichtige Entwicklung, sondern eben nur fesselndeMomente. Darum stehen die größten Unmöglichkeiten ruhig nebeneinander.Holofernes spricht — zu wem ist nicht gesagt —, es antwortet der Burggraf,an den die Rede gar nicht gerichtet ist und von dem sie auch gar nichtgehört werden konnte: der Dichter macht hier ein Kampfgespräch, weil ihmdie Gelegenheit dieses ihm geläufige epische Mittel darbietet. Die eine derHauptpersonen, Holofernes, wird in der Exposition eingehend vorgeführt,wie denn überhaupt die vorauszusetzenden Umstände reichlich ausgebreitetwerden (Str. 1—4), da die biblische Vorlage dazu den Stoff abgab. Aberdie Nebenpersonen, der Burggraf und der Bischof, und dann die andereHauptperson, die Judith, werden gar nicht vorgestellt, sondern treten un-mittelbar in die Handlung ein.
Zu dieser naiven Auffassung des Stoffes paßt auch der Sprachstil. DieFormensprache ist einfach, der Ausdruck ergibt sich dem Dichter spontanaus den angeschauten Dingen und zielt auf unmittelbare Wirkung.
Vorherrschende Parataxe, in Parallelbau 4, 5—8. 5, 5-8. 6.15—18 (antithetisch). 9, 3.4.11,1.2 u. 3. 4. Fortführung mit dd, sehr oft im Strophenanfang: 3, 1. 4, 1. 5, 1. 6, 1. 9. 7, 1.8,1. 9, 5. 13. 10, 1. 6. 12. 11, 3. IIb, i. 3. Ausruf 9, 2. Formeln (MSD. II 3 , 233): 1, 1; 4, 1.7, 4. 10, 5. 9; 4, 2. 6, 14; 2, 8; 5, 1 f. 8, 1 f. 10, 12 f. (vgl. 1, 1 f. 9, 13 f.); 7, 1 f. 9, 5 f. 10,6 f. IIb, 5 f. Wörtliche Wiederholungen 3, 1. 6, 11; 8, 5. 10; 9, 11 f. = 10, 1 f.; 10,6=10,9;1, 3. 6, 5. 7, 3. 9, 11. 10, 1. IIb, 9 [2, 8. 3, 9]. Epitheta 7, 1. 9, 5. 10, 6. IIb, 5; ], 9,; 3, 9; 8,5. 10; 8, 3; 11, 5. ll b , 2; 11, 7; 3, 2; volkstüml. Kampfwörter: wiglichi, vrabilllchi IIb, 13 f.(s. MSD., Varianten). Hyperbeln 1,3. 2, 7. 7, 5.
Bemerkenswert ist, daß keine lat. Worte vorkommen. Einen verhältnis-mäßig großen Teil des Gedichtes nehmen die Redeverse ein, nämlich nahezudie Hälfte, in der Geschichte der Judith für sich gesondert machen sie sogarmehr als die Hälfte aus. — Für den Stimmungsausdruck gilt dasselbe wiebei den drei Jünglingen.
Metrik. 1 ) Rein reimt fast die Hälfte der Verse; voller Endungsvokalist gebunden in man : lernan 1, 3 f.; [Judithi: dlgltt 7, 1 f. 9, 5 f. 10, 6 f.ll b . 5 f., aber Juditha: Bathania 3, 8 f.] 2 ) — Die Absätze bezw. Strophenhaben nach der Hs. folgenden Versbestand: Str. 2—5 und 11: 8 Zeilen,Str. 6-8: 10 Zeilen, Str. 9 und 10: 14 Zeilen, Str. 1: 16 Zeilen, Str. 12endet mit Dreireim bei 21 Zeilen, aber der eigentliche Schluß fehlt. 3 )
Im Vorhergehenden sind von vornherein- die drei Jünglinge und dieJudith als zwei getrennte Gedichte angesehen worden. Es ist die Art desdeutschen epischen Liedes, einen in sich abgeschlossenen und für sich wirken-
W. Grimm, ZGdR., Kl. Sehr. 4, 168. | sammen unter Annahme starker Interpolation;
den letzten Abs. (ll b ) erklärt er für unecht.Sievers nimmt aaO. aus rhythmisch-melo-dischen Gründen ein ursprüngliches Gedichtvon 12 8zeiligen Strophen an, das nach-träglich durch verschiedene Interpolationenerweitert worden sei.
')214; Saran, S. 254.
2 ) In MSD. ist 3, 9 für unecht erklärt.
3 ) Schade aaO. führt auch hier seine 6-zeilige Strophe durch; Scherer in MSD. teiltAbs. 1 der Hs. in 2 Strophen und zieht dieAbs. 5 u. 6 (= MSD. Str. 6) in eine Strophe zu-