106 A. Geistliche Literatur, c) Geistuche Epik.
Holofernes, der herzogt (1, 1), kunic genannt und in Str. 6 werden vomBurggrafen beide angeredet, während seine Antwort doch nur dem Holofernesgelten kann. 1 )
In einer Spielmannsdichtung geht der religiöse Gehalt nicht tief, in unsermLied ist denn auch nichts zu spüren von der Glaubensstärke der alttestament-lichen Erzählung: in dieser stellt Judith den Verlauf ihres UnternehmensGott anheim Kap. 9, 18, in dem Gedicht dagegen leitet sie selbst durchihre Schlauheit ihr Geschick. Die gegebene religiöse Voraussetzung ist derKampf zwischen dem Christentum und dem Heidentum oder zwischen Christusund dem Satan wie in dem gleichzeitigen Gedicht von den drei Jünglingenund wie im Rolandslied des Pfaffen Konrad. Die spezielle Idee ist aus-gesprochen in den Versen 11, 5—8: Erlösung der Gläubigen von den Heiden,und mit dieser schließt auch der uns erhaltene Text der Vor. Hs. II 1 ', 21.Es ist die Stimmung der Kreuzzüge. Verkörpert sind die beiden Gegensätzein dem Heiden Holofernes, für den der Dichter das Stichwort hat „derstreit widir goti gerni", und in der guten Judith, „du zi goü wol digiti".
Die glaubenseifrige Großtat der Judith war dem MA. ein sympathischerStoff, sie ward viel gepriesen, in Prosa und in Versen: Judith . . . omniumore usque hodie laude digna triumphat rühmt Honorius Aug. von ihr (Spec.eccl., Migne 172, 896 D) und zählt sie unter den alttestamentlichen Vorbildernauf (Migne ebda und Sp. 1070 A—C. 1082 A). Ein lat. Gedicht, Versus deJudit et Holofernem, ist uns in mehreren Hs., leider nur unvollständig, er-halten. 2 ) Es folgt ganz der Bibel und in der Vergleichung des deutschenGedichtes mit diesem lat. zeigt sich aufs einfachste der Unterschied zwischenspielmännischer und geistlicher Behandlung: es ist die Umkleidung deshistorischen Stoffes in ein alltägliches Gewand.
Das Gedicht ist in reinem Spielmannsstil abgefaßt, ein wahres Musterfür eine volkstümliche Ballade: ein geradliniger Verlauf, ohne Abschweifungund Nebendinge, gesagt ist nur, was zur Sache gehört, gegenständlich,sinnfällig. Es interessieren aber nur die Tatsachen der Handlung, daherkeine Schilderung, weder der Menschen noch des Milieus oder der Natur,keine Reflexion, keine Stimmung, die Personen werden nicht charakterisiert,sie handeln triebhaft, sie erwecken Teilnahme nur durch ihre .Taten, dochgeben manchmal kurze Formeln, wenn sie auch rein mechanisch gesetztsind, knapp und treffend den Kernpunkt ihres Wesens (du guti Judithi, duzi goti wol digiti, Oloferni, dt burc habit er gerni). Klar sind die ge-gebenen, hervorspringenden Tatsachen, aber auf die Zusammenhänge kommt
') Der Grund zu diesem Zusammenwerfen [ in 9, 8 und 11, 1 diesem den Titel kuninc
ist nicht sicher zu erkennen, sehr wahrschein- j beigelegt, welch letzteres deshalb um so
lieh lautete die Stelle 6, 3—8 in der Judith leichter geschehen sein konnte, weil ihm
ursprünglich anders und erst ein späterer überhaupt eine Scheidung der beiden Per-
Vortrager oder Schreiber hat diese Verse aus j sonen nicht deutlich im Bewußtsein lag.
den drei Jünglingen dafür eingesetzt. Dann | ') Du Meril, PoSsies pop. lat. anterieures
hätte der Dichter nur Str. 1, 3-2, 8 von Na- au XII. s. S. 184f.; E. Dümmler, ZfdA. 23,
buchodonosor auf Olofernes übertragen und 266—268u.262f.; Gröbers Grundr. II, 1,173.