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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 22. Judith.

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und Frieden verhandeln die Bürger und zwar in einem viel weniger an-spruchsvollen Ton, als ihn die Einwohner gegen den weltlichen Vorgesetztenin der biblischen Überlieferung anschlagen Kap. 7, 12 ff.: dort verlangen sieunter Vorwürfen von dem obersten Beamten oder Fürsten Ozias die Über-gabe und dieser, zur Verantwortung gezogen, bittet sie um Geduld und Auf-schub, im deutschen Gedicht dagegen sind die Bürger die Bittenden unddie um Fristgewährung Ersuchenden. Zum deutschen epischen Stil gehörtdie Wechselrede zwischen den Gegnern, Holofernes und dem Burggrafen,ein Kampfgespräch (gelf, s. LG. I, Reg. S. 459), die typische Zahl 3 statt 5(6, 14) und die Hyperbel mir danni ein jär (4, 2). Die Geschichte vonJudith und Holofernes ist zu einem kleinen Spielmannsroman umgedichtet:ein König sieht ein schönes Weib vor seinem Palast, er will sie zur Frauhaben, sie aber ist gekommen, um Rache zu nehmen für ihr Volk und umihn zu töten. Sie nimmt seine Werbung an, aber es ist nur eine List: beidem Mahl, das sie ihn zu rüsten bittet, macht sie ihn trunken und schlägtdem Schlafenden das Haupt ab. 1 ) Unter dieser Voraussetzung erklären sichdie Umänderungen im Gedicht. Zunächst paßte für die rasche Entwicklungeines epischen Liedes der Umweg nicht, daß Judith zuerst von den Wächterngesehen wird; gleich mitten in die Haupthandlung hinein strebt die Er-zählung, die Wächter müssen als dienende Nebenpersonen hinter der Haupt-person, dem Fürsten, zurücktreten. Damit fällt auch die List weg, mit dersich Judith in das Lager hereinzumachen weiß Kap. 10, 12 f. Ein echtgermanisches Sagenmotiv aber ist es, dem Gegner beim Gelage die Sinnezu berauschen, um den Sinnlosen betrügen oder beseitigen zu können, darummußte Judith, nicht Holofernes, die Mahlzeit anregen. Und wiederum istdie Darstellung eines Gelages im heimischen Epos beliebt, deshalb ist überdas Brautmahl, bei dem die fürstliche Wirtin selbst den Wein schenkt 2 ) undalle bis auf den letzten Mann an der Bank 3 ) volle Humpen haben, einigesBehagen verbreitet. Eine besondere Technik wird dann in der letzt-erhaltenen Strophe angewendet: die blutige Tat der Judith wird nicht un-mittelbar erzählt wie in der Bibel, sondern wir erfahren sie aus dem Mundeeines Engels, der ihr im Namen Gottes verkündigt, wie sie sie ausführensoll. Die Handlung ist also hier, echt germanisch, in einer Rede weiter-geführt. Verwirrung ist in der Person der beiden Heiden eingetreten: siesind gleichsam zu einem Menschen verschmolzen, Str. 1, 32, 6 gehöreneigentlich dem Nabuchodonosor, nicht dem Holofernes zu, 9, 8. 11, 1 wird

') Ganz ähnlich ist das Ende Atlis in deraltnordischen Nibelungensage: den vomMord ihrer Brüder heimkehrenden Gattenlädt Gudrun zum Mahle, sie reicht den Män-nern den Trunk und erschlägt den trunkenenAtli (Atlakviba Str. 33 ff.). Attila im Rauschvon einem Weibe aus Rache erschlagen:W. Grimm, D. Heldensage 3 S. 9 f. Zu einerweiteren Szene gestaltet Ekkehard in seinem.

Waltharius manufortis 276 ff. (s. LG. I, 384 ff.)die auf Attila angewandte List des Trunken-machens und ihre Folgen; vgl. auch Biterolf12634 ff.

2 ) Vgl.Beowulf611ff.ll69ff.l980ff.2020f.;Atlakviba aaO.; andere Stellen s. bei Wein-hold, Altnord. Leben S. 461; ders., DeutscheFrauen 2 2 , 123 f.

') Andere Beispiele MSD. II 3 , 235.