98 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.
uirdagen 66, 25) und bei der Einnahme Jerichos, ebenso wie am Schluß desBalaam {lange tvälehän ich getan 84, 25). Dies war wohl auch der Grund, wes-halb der Joseph einfach aus der Wiener Genesis abgeschrieben wurde. Dererste Dichter übertrug die Genesis, und zwar ließ er den epischen Gehaltvorherrschen. Dann wurde der Joseph aus der Wien. Genesis angefügt, zuder allegorischen Absicht paßte er deshalb, weil schon in dieser Vorlageder große Abschnitt vom Segen Jakobs ein tiefiu rede (ed. Piper S. 458v. 5551) mit Bezeichnung war, d. h. Ausdeutung auf den christlichen Glauben.Ein anderer Klosterbruder als jener Verfasser der Vor. Genesis fuhr fortmit dem Moses und verlieh diesem stärkeren allegorischen Gehalt. Voneinem dritten Arbeitsgenossen wurde das Marienlob angeschlossen. Unterden vorhergehenden Auslegungen war keine von der Geburt Christi. Mariaist nur kurz erwähnt im Moses 60, 11; nicht einmal der brennende undsich im Feuer doch nicht verzehrende Busch Moses 34, 28 ff., der einesder gebräuchlichsten Symbole für die unverletzte Geburt durch Maria ist,wird als solches benutzt. In einer Zeit, in welcher der Preis der heiligenJungfrau für die Poesie gleichsam entdeckt wurde, konnte in einem typo-logischen Kommentar die magdtumliche Geburt nicht fehlen. Das ist derGrund für die Aufnahme der eben durch das Marienlob dargestellten Pro-phezeiung des Jesaias. Im Balaam ist von einem vierten Mitarbeiter eineEpisode aus dem 4. Buch Moses nachgetragen worden. Das entspricht demkompilatorischen Charakter des Werkes. Der Verfasser kannte den Vor.Moses, 1 ) denn er hat seine Stiftshüttensymbolik nach ihm eingerichtet: er bringtnur solche Punkte, die bei jenem nicht vorkommen. Er kannte auch das Manen-lob, wie die oben angeführten sprachlichen Anklänge wahrscheinlich ge-macht haben. Dadurch wird es verständlich, weshalb die religiös wichtigsteStelle der ganzen Balaamgeschichte, die Verkündigung Christi Num. 24, 17,in der Vorauer Bearbeitung ausgelassen ist. Der Grund, weshalb überhauptdieser Nachtrag mit Balaam gemacht wurde, liegt wohl in der Berühmtheitdes heidnischen Propheten, besonders in dem Wunder seiner redenden Eselin.Der spirituellen Tendenz des ganzen Werkes folgend mußten aber auch be-lehrende Auslegungen gebracht werden. Die Prophezeiung Balaams warschon im Moses vorweg genommen, so griff der Dichter zu der geistlichenErklärung der Stiftshütte, die er, allerdings nur auf Umwegen, an die Lager-schau Balaams anknüpfen konnte.
Die allegorische Schrifterklärung des ganzen Werkes zusammen ergibtdas Dogma in seinen Hauptzügen: die Genesis enthält mit der Trinität,Engel und Teufel, Schöpfung, Sündenfall und Verstoßung (die Welt als Ver-bannung) den Anfang des christlichen Dogmas. In der Entwicklung derchristlichen Glaubenslehre folgt dann die Erlösung durch Christus und dieErlangung des Himmelreichs: dieses ist dargelegt im Joseph. Der Moses
Rödiger, Anz. 1, 69.