Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
97
Einzelbild herunterladen
 

§ 19. VORAUER BÜCHER MOSIS.

97

Einige Male kommen Dreireime vor. Ein grundsätzlicher Unterschied bestehtin der Metrik zwischen Genesis und Moses nicht; Barlaam und Marienlobhaben regelmäßigere Verskunst (weniger schwere Endsilbenvokale, im Prozent-satz mehr reine Bindungen, gleichmäßigeren Rhythmus). Der Joseph alsein fremdes Stück ist hier natürlich auszunehmen.

Die Frage nach der Entstehung und der Einheit des Ganzen läßtsich mit Sicherheit nicht entscheiden. Unterschiede konnten zwischen derVor. Genesis und dem Moses nachgewiesen werden in der Quellen-benutzung, in der Tendenz (größere oder geringere Neigung zur lehrhaftenAuslegung) und im Stil (besonders im Formelwesen). Danach sind zwei Be-arbeiter wahrscheinlich. Aber es ist doch nicht ganz in Abrede zu stellen, daßAusweichungen wie die angegebenen auch bei ein und derselben Persönlich-keit möglich sind. Selbst Formeln, spontane Stilelemente, die sich mehrmechanisch, absichtslos einstellen, können doch abhängig sein von demgesamten Stilcharakter. Rhetorische Formeln 1 ) wie die im Moses sind damehr geeignet, wo der Dichter als Prediger oder Lehrer auftritt, also imlehrhaften Stil, wie eben im Moses, weniger in einem gedrungen-epischenStil wie in der Genesis. Könnten nun aber auch die Vor. Genesis und derVor. Moses in solcher Hinsicht Werke ein und desselben Mannes sein, sosind sie doch in der geistigen Auffassung und im Formelgebrauch derartunterschieden, daß sie als zwei getrennte Geistesschöpfungen zu betrachtensind. Der Barlaam weicht in Denkweise, Sprache und Metrik doch vonden beiden großen Teilen, der Genesis und dem Moses, stärker ab, so daßman für ihn einen andern Verfasser annehmen muß. 2 )

Die Vor. Bücher Mosis sind demnach zu beurteilen als eine Kom-pilation verschiedener Stücke, in denen von Mönchen ein und des-selben Klosters 3 ) die alttestamentliche Genesis und Exodus zum Zwecktypologischer Erklärung übertragen wurden. Die einzelnen Verfasser standenalso untereinander in Verbindung. DieZusammenstellung sollte nichtzu umfang-reich werden, daher die Kürzungen. Es scheint, daß die Zeit zur Herstellung be-schränkt war, daher der plötzliche Abbruch beim Tode Moses (daz muze wir

] ) Esgibtzweierlei formelhafte Wen-dungen: 1. epische Formeln, Wiederkehrder gleichen oder ähnlichen Worte, wenn diegleichen Gedanken wieder auftreten (Ge-dankenassoziation); sie sind durch den epi-schen Stoff bedingt, z. B. Hute unde laut,riter unde frouwen, der edele känic, heldeküene unde guot; 2. rhetorische For-meln, Vortragsformeln, die nicht durchden Stoff bedingt sind, sondern nur redne-risch eingeschaltet werden, so die Wahr-heitsbeteuerungen : ze wäre, für war ich iudaz sage; Quellenberufungen: als uns dazbuochseit; Erläuterungsformeln: daz bezeich-net; Uebergangsformeln: nüwilich iu sagen, muget ir hceren, zugleich als Aufforderung:

Deutsche Literaturgeschichte. II.

vernemet\ Die epischen Formeln eignenmehr der Erzählung, die rhetorischen Formelnmehr der Belehrung, doch können natürlichdie epischen Formeln auch in didaktischenStücken und umgekehrt vorkommen.

2 ) Scherer, QF. 7, 4251 hat als ersterfünf verschiedene Verfasser aufgestellt undhat die Genesis wieder in drei Teile geteilt;Münscher S. 152 f. gelangt auf Grund seinereingehenden Untersuchungen ebenfalls zufünf Verfassern; Waag aaO. S. 101 ff. hältan einem Urheber fest.

3 ) Alle Stücke stammen aus demselbenKloster, denn die Orthographie ist durchauseinheitlich, vgl. Waag aaO.