92 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.
noch saht 22,22—24. Auch läßt er sein Gefühl da und dort mitsprechen :Noe weinte, sein Herz tat ihm weh, als er die durch die Flut vernichteteErde sah, und Gott tröstete ihn 13, 12 ff. — Mit tränenden Augen nimmtRebekka Abschied von ihrem Sohne 24, 6 f.; traurigen Herzens empfiehltsie ihn Gott mit innigem Gebet, da schieden sie sich im Schmerz, sie sahensich niemals wieder 24,14—17. — Die Klage Jakobs am Grabe der Rahel31, 16 — 24 hat der Dichter der Wiener Genesis entnommen (51, 31 ff.), aberstark gekürzt, auch das Zerstörungswerk des Todes hat er nicht so schonungs-los aufgedeckt und hier ist er menschlich teilnahmsvoller als der ältereDichter. Seine einfachen Worte gehen in ihrer schlichten Wahrheit zu Herzen:hier liegt alles mein Lieb, es spricht nicht mehr zu mir, das allerschönsteWeib, ich Armer, war ich vor ihr gestorben! — In einem kleinen Naturbildevereinigt er 5, 8—7,19 mit poetischer Sprache, die an die lat. Dichtung seinerZeit und an den Minnesang anklingt, die Dinge der Erdschöpfung, die inder biblischen Genesis 1, 6—30 in Variationen mehrfach wiederkehren. 1 )Aber solche Fälle subjektiver Schattierung sind nicht stark genug, um demGanzen eine persönliche Färbung zu verleihen, und im allgemeinen mußman sagen, daß dieser Dichter den anheimelnden Ton des Volksmäßigenund Gegenwärtigen nicht getroffen hat. Man vergleiche als Beispiel wiederumdie Brautwerbung Isaaks 19, 22—21, 3: schon der Umfang ist viel geringer,nur die Hälfte des Wiener Textes, und wie trocken ist die Erzählung, fastbis zur Unverständlichkeit beschnitten! Man sieht, die ganze Geschichte sollmöglichst rasch abgemacht werden.
Das gesamte, Bücher Mosis genannte Werk der Vor. Hs. hat eine aus-gesprochen lehrhafte Tendenz, die historischen Tatsachen der Bibelwerden zugleich in ihrer Bedeutung für das Dogma dargestellt. Es ist alsodie Methode der allegorischen Schrifterklärung angewendet, biblische Stellenwerden in ihrer Bedeutung für die Heilsgeschichte erläutert. In der Genesismacht sich das allegorische Element nicht übermäßig stark geltend. ImUnterschied von der Wiener Genesis, welche mit Buße und Beichte auf daspraktische Christentum gerichtet ist, sind die geistlichen Bezüge hier viel-mehr dogmatischer Art. Der ältere Dichter knüpft an den Bibeltext moralischeMahnungen, der jüngere allegorisch mystische Auslegungen. 2 ) Jener ist derPrediger, der sich an das naive Verständnis der Laien wendet, dieser derTheolog, der auf tieferes Wissen, auf Geistliche, absieht. Die Dreieinigkeitist die Grund- und Anfangslehre des christlichen Dogmas, und so ist diesauch der theologische Kerngedanke in der Vor.Genesis: die drei oberstenEngelchöre sind die drei Bestandteile der Trinität, auf Weisheit, Güte, Machtgerichtet 3, 17—19, 3 ) Weisheit, Güte, Macht stürzen Lucifer 4, 23-25; die
J ) Die Schönheit des Waldes, die Vögel Carmina Burana.
in demselben, die grünende Erde, die wonnig- 2 j Die Auslegungen sind also in der Wien,
liehen Blumen: vgl. z. B. Cambridger Lieder Genesis moraliter, in der Vor. Genesis my-
Nr. 27. 28. 29. 32, ZfdA. 14, 490 ff., R. M. slice oder spiritaliter, vgl. LG. 1, 178.
Meyer ebda 29,195ff., und viele Lieder der 3 ) Einzelne Engelchöre werden in ver-