86 A. Geistliche Literatur, c) Geistliche Epik.
eigenem Empfinden ohne Anlehnung an die Bibel den Schmerz der Betroffenenzum Ausdruck kommen, wo momentanes Unglück über sie hereinbricht: so dieKlage des im Elend verkauften Knaben Joseph 55, 1—4 (Gen. 37, 28), dasWeinen des Kindes Benjamin, da es nie mehr seinen lieben Vater sehenwerde 67, 41 f. (Gen. 44, 13). Das sind Klänge aus dem deutschen Volks-epos, der Geistliche aber flocht sie ein, weil er damit Rührung bei seinenHörern erzielen konnte. Denn das gehört auch in eine Predigt. — In Josephaber hat der deutsche Dichter außerdem einen besonderen Typus seinerZeit dargestellt, nämlich den Edelmann. Die biblische Geschichte gab hierzunur die äußeren Lebensereignisse, seine hohe Ehre und fürstliche Stellungam Hofe, die Umdeutschung in ihrer vergegenwärtigenden Tendenz ver-leiht dem Helden der Erzählung aber auch die entsprechende Persönlich-,keit: sein ehrenhafter Sinn wird gerühmt, sein feiner Anstand, sein sittsamesGebaren, seine Mäßigkeit, seine Schönheit und Makellosigkeit 55, 30 f. 56,6-18. 81, 37—82, 6.
Die Rührung derTreude ist viel seltener als die des Schmerzes: dieBrüder küssen freudig Simeon, als er ihnen wiedergegeben wird 66, 23, inFreuden kehren sie mit Benjamin zu ihrem Vater zurück 71, 14—19; beideStellen sind-unabhängig von der Bibel. 71, 35—40 entspricht, lebhafter aus-gedrückt, Gen. 45, 27 f.
Schließlich liegt auch oft in der mehr formal stilistischen Ausdrucks-weise eine leise Nuancierung des Gefühlslebens, so wenn bei dem rede-einleitenden sprach ein Adverbium steht, wie er sprach alle minnechlichen69, 30 oder uil riawechlichen 39, 28, uil ämerltchen 39, 38, alle gezogen-Uchen 47, 31, ferner 39, 24. 48, 13. 34. 40. 71, 17; oder beim Gebrauchvon zärtlichen Epitheta: uater min der guote 38, 26, min sun guoter 40,22, vgl. 71, 18; tritt bei kint: trat chint min 38, 42 u. ö., liep bei vater,muoter, barn u. a. 1 )
Die realistische Gegenwartsschilderung wird zu einemJKulJurbild, wo derDichter aus dem Landleben schöpft. In harter Arbeit bewirtschaften die erstenMenschen nach ihrer Vertreibung aus der Herrlichkeit des Paradieses denkärglichen Boden, gerade wie ihre späten Enkel, die österreichischen Bauerndes Mittelalters 24, 26—25, 10 und „wie manche, die vom Reichtum in Armutgekommen sind" 24, 42 f. Ausführlich schildert der Dichter die Arbeit umdie Lebensmittel in Feld und Garten. Kain schafft Sommer und Winterumdie Ernährung, Abel geht den langen Tag in der Sonne und hütet dieLämmer: eine Bauernfamilie, deren beide Söhne so grundverschieden sind,jeder in seiner Art sein Tagewerk tuend. Derselbe Gegensatz zwischen demkräftigen, draußen im Leben schaffenden Menschen und dem beschaulichen,in den Zelten wohnenden ist dargestellt an Esau und Jakob 36, 29—37, 4. 2 )
') Weller S. 143—147. I vgl. Migne 176, 1213 BC und oben das Ge-
2 ) Das aktive und das kontemplative Leben, | dicht von Esau und Jakob.