§ 18. Die altdeutsche Genesis und Exodus
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Abschied und Totenklage. Die Totenklagen 1 ) sind überhaupt die sentimen-talen Einschläge im volkstümlichen sowohl wie im höfischen Epos, es sinddie Gelegenheiten, bei welchen die Dichter die stärksten inneren Erregungenzur Äußerung bringen können, und darum gehören sie zum herkömmlichenMotivenschatz der Erzählungsliteratur. Die Klage um die Toten war geboteneSitte bei den Hebräern und den Germanen. Der deutsche Dichter hat dieStellen der biblischen Genesis — Abraham klagt um Sara Gen. 23, 2, Josephum Jakob 50, 1, die Ägypter um Jakob-50, 3 — ebenfalls aufgenommen 33,32—34. 83, 21—24. 83, 26 f., wobei er in 33, 33 f., wie häufig in denspäteren deutsehen Gedichten, nachher den Klagetrost folgen läßt mit demaktuellen Hinweis so tuot unser igeltch so ime geseihet samelich. Selb-ständig ohne Anregung durch die Bibel hat er beigebracht die täglicheKlage Isaaks an seiner Mutter Grab 35, 34 und die Klage Jakobs und seinerSöhne um Isaak 52, 8—10 2 ) zu Gen. 35, 29, die allgemeine Klage um Joseph84, 18 (man chldgit) zu Gen. 50, 25, besonders aber die erschütterndenWorte des Dichters beim Tode der Rahel 51, 31—42 zu Gen. 35, 19 f.: ertritt gleichsam selbst vor den vom Unglück Zerschmetterten und statt ihnzu trösten, malt er ihm die Größe des Verlustes aus und läßt ihn die ganzeOhnmacht seines Jammers fühlen. Es ist eine unbarmherzige Leichenpredigt.Doch mit einem einfachen, aber wahrhaft ergreifenden Zug schließt dieseTrauerszene: als der leidgebeugte Mann von dem Grabe nach Hause kam,nahm er sein kleines Kind auf seinen Arm, Benjamin, die Waise, seinenLiebling 51, 43-52, 3.
Auch offizielle Empfangsszenen 3 ) gehören zum stehenden deutschenMotivenschatz, aber nicht zum biblischen, der Dichter hat sie demnach auchohne Veranlassung seiner Vorlage angebracht und zwar in den üblichenFormeln (wole empfähen, willekomen heizen): 34, 27 (Gen. 24, 32). 47, 1—6(Gen. 32, 6). 66, 28 (Gen. 43, 27). 70, 27 (Gen. 45, 16 ff.). 73, 14 (Gen. 47,1 ff.). 4 ) Dagegen sind Wiedersehens- und Erkennungsszenen 5 ) mit denstereotypen Gebärden des Umhalsens, Küssens, Weinens nicht deutsch, derDichter hat sie aber aus der Vorlage getreu aufgenommen, z. T. unter wört-licher Wiederholung: 41, 31—34. 35—38 (Gen. 29, 11-13). 48, 30-32 (Gen.33, 4). 66, 36—40 (Gen. 43, 30). 70, 19-24 (Gen. 45, 14). 72, 20—22 (Gen.46, 29). — Joseph ist eine empfindsame Natur und der Dichter kehrt diesezarte Seite seines Wesens noch mehr hervor (vgl. 57, 40—42. 58, 2. 14.'35 f. 59, 5 f. 63, 38 f. 66, 36-40. 84, 1; die väterliche Liebe Jakobs zu Ben-jamin 52, 1 f. 62, 27 f. 63, 7; zu seinen Söhnen 71, 36. 75, 26; Klage derBrüder 67, 38—40). Ist in den vorhergehenden Fällen die Stimmung schon imhebräischen Gemütsleben vorgezeichnet, so läßt der geistliche Dichter aus
') s. LG. I, Reg. S. 468, auch ZfdPh. 36,397 f.
2 ) Man soll nicht zu viel weinen: ZfdPh.aaO.
3 ) Weller S. 176f.; Panzer, Hilde-GudrunS. 31 ff.
4 ) Weller S. 175 f.B ) Weller ebda.