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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 18. Die altdeutsche Genesis und Exodus. 83

Der Grund zu dieser geistigen Umschaffung liegt nicht allein in derdichterischen Eigenart des deutschen Geistlichen, sondern zugleich in demGesetze, das ihm bei seiner Arbeit vorschwebte: es ist eine Regel derPredigt, das Vorgetragene dem Verständnis und dem Herzen des Hörersoder Lesers näher zu bringen. Darum also auch mußte er in die biblischeGeschichte so viel von seiner Zeit und von seiner eigenen inneren Erfah-rung hinein legen, weil es zur Aufgabe des Predigers gehörte. Und somit istder tiefste Ausgangspunkt für die Umformung des biblischen Stoffes in dieserbestimmten Art in letzter Hinsicht Stilisierung im Sinne der Predigt.

Diese Umformung läßt sich beobachten 1. an kleinen Einschaltungenund 2. an ganzen Szenen.

1. Gern knüpft der Dichter kurze Beobachtungen an den Bibeltext an,allgemein gültige Erfahrungen 1 ) wie: Adam lebt nach Ehebrauch mit seinemWeibe, so wie man es hierlands und dortlands pflegt 23, 19 f.; als Abraham175 Jahre alt wurde, mußte er den Weg gehen, den wir alle gehen werden,wie alt wir auch werden mögen 35, 36 f.; was geschehen soll, das kannniemand abwenden, Menschenstreben hilft nicht viel, wenn es nicht GottesWille ist 36, 43 f.; viel gewährte Gott Joseph, außer daß er ihn, wie es seineSitte war, versuchte, ob er an ihm nicht zweifle 56, 1618." Häufiger nochsind Beziehungen auf Zustände und Gebräuche der Gegenwart: es gingihnen (Adam und Eva) wie jetzt manchen Seelen, die vom Reichtum inArmut kommen 24, 42 f.; die Sitte (die Beschneidung) ist noch heute unterdem jüdischen Volke 31, 35, vgl. 48, 19; aus den Standesanschauungen derZeit heraus kommt die Mißachtung der Kaufleute als Betrüger 32, 4144,desgl. derKaltschmiede" (Hausierer) 2 ) 31, 2230; eine unmittelbar histo-rische Anspielung wird beim vierten Finger, dem Ringfinger, 3 ) gemacht: derKönig hat die Sitte, damit (mit dem Ring) das Bistum demjenigen Priesteranzuverloben, den er zu einem Herren machen will 14, 15 f., worunter dieBelehnung der Bischöfe und Äbte durch den Kaiser mit dem Ring ver-standen ist (vgl. die Belehnung Josephs mit der höchsten Reichsgewalt61, 11 17 = lat. Gen. 41, 42). Die Gesellschaft, in der sich der Dichter be-wegt, besteht aus Rittern und Bauern (Bauernleben s. untenDas Recht").,helede und riter sind die Patriarchen mit ihrer Umgebung. 4 )

2. Wo sich Gelegenheit gab, hat der Dichter die überlieferten Szenen inseinem Sinne umgearbeitet. Er konnte dabei alte biblische Motive verwenden,sofern sie in dem gleichzeitigen Volksepos wirksam waren, wie Brautwerbung,33,35-35, 23, Gelage 31, 40-32, 1. 35, 58. 47, 1 f., Empfang, Abschied,»)Totenklage 33, 3234. 83, 2684, 18, vgl. 35, 34 f. Ein gutes Beispiel, wieder Dichter den biblischen Stoff in seine Auffassung übertragen hat, gibtdie Werbung Eliesers um Rebekka 34, 135, 23 = Gen. 24, 1-61. Die

>) Weller S. 192194.

2 ) Scherer, QF. 1, 2426.

3 ) Weller S. 45.

4 ) Kelle S. 29; Petersen S. 13 ff.

5 ) Empfang und Abschied s. Weller S. 176-178.

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