§ 13. Priester Arnold, Von der Siebenzahl zum Lobe des heiligen Geistes. 71
man kann die einzelnen Ideenassoziationen fast durchweg verfolgen undsogar literarhistorisch begründen. Gerade aber die freie Beweglichkeit derim Bewußtsein haftenden Elemente, wo die Phantasie waltet und sich nichtan die Fesseln der Logik kehrt, ist der wesenhafte Zug mittelalterlichenGedankenlebens.
Die Masse der Siebenzahlen in unserm Gedicht 1 ) ist in folgender Ketteaufgereiht: 2 )
A. Eingang 333, 1—334, 14: Preis der Dreieinigkeit, insbes. des heil. Geistes. —B. Hauptteil 334, 14—354, 7. Einl. 334, 14—28: die erhabene Zahl (sieben), der heil. Geist,Taufe, Dreieinigkeit. I. Erste Gruppe der Siebenzahlen 334, 29—341, 5: a) 334, 29—339, 12: die7 Gaben des heil. Geistes, dazu zwei Haupttugenden: Gott und den Nächsten lieben; Ab-schweifung: Jesus bringt den Aposteln den heil. Geist, der heil. Geist erscheint ihnen 338,18—339, 12, beide Sätze stehen in Zusammenhang mit dem Vorhergehenden, denn siestellen die Eingebung der Nächsten- und Gottesliebe dar. b) 339, 12—25 die 7 Bitten.
c) 339, 25—341, 5 die 7 Siegel. II. Zweite Gruppe 341, 5—354, 7: a) die Siebenzahl in derAstronomie, diese umfaßt im m.alterl. Schulsystem der 7 freien Künste auch die Zeitrechnung 3 )und unter diesem Gesichtspunkt gehören fast alle folgenden Heptaden zur Wissenschaftder Astronomie, a) 341,5—345, 9: 7 Himmel, 7 Sterne, 7 Sonnen, 7 Wochentage, die 7 Mond-phasen als Symbole des menschlichen Lebensalters, 4 ) dazu die 12 Zeichen des Tierkreises,die 7 Planeten, b) Abschweifung 345, 9—23: der heil. Geist als Deus septiformis. c) 345,23—346, 26: allegorische Deutung der 7 Kirchen in der Apokalypse auf die 7 Teile desMenschen, auf das 7tägige Fortschreiten des Kindes im Mutterleibe, 5 ) die 7 Menschenalter.
d) 346, 26—347, 26: die sieben freien Künste, die vom heil. Geist verliehen werden.
e) 347,26—349, 19: das Heranwachsen des Kindes, Gebote für die Eltern, den Pfarrer,gegen die Sünden, bes. gegen den Mord, 7 Gnadenmittel, f) 349, 19—352, 3: die bisherigenHeptaden betrafen das Menschenleben, die folgenden sind Siebenzahlen der Weltgeschichte:
mente, aus verschiedenen Gedichten zu-sammengeschweißt. Auch Polzer-van Kolnimmt an, daß die Dichtung nur zum Teilvon Arnold herrühre (S. IXf. u. 101). Schön-bach aaO. hat dagegen festgestellt, daß Sprach-gebrauch, Versbau und Reime so gleichmäßigdurch alle Teile des Gedichtes durchgehen,daß zu einer Zergliederung auf einzelne Ver-fasser keine Veranlassung gegeben ist; vgl.auch Kelle aaO.
*) Die Benennung „Von d. Siebenzahl"usw. stammt von Müllenhoff, vgl. MSD. II 3 ,269.
2 ) Inhalt: Schönbach S.472—478; Polzer-van Kol S. XIII f.
3 ) Specht, Unterrichtswesen S, 135—139.Die Berechnung der Zeiten konnte zugleichin der Arithmetik behandelt werden (LG. 1,139 f).
4 ) Bedas De temporum ratione enthält dieZeitberechnungen nach dem Mondlauf, denHimmelszeichen, darauf die sechs Weltaltermit einer Geschichte der wichtigsten Be-gebenheiten, abschließend mit dem jüngstenGericht und der zukünftigen Welt (Migne 90,293—578). Hrabanus Maurus behandelt inseinem Über de Computo Sonne, Mond,Sterne, Lebensalter (Migne 107, 669—728),Honorius Aug. in Buch II, 75 f. von De imagine
mundi ebenso Himmelserscheinungen, Zeit-rechnung, Lebensalter und Weltalter (Migne172, 156 f). Wilhelm v. Conches gibt in seinerPhilosophia mundi B. II einen kurzen Abrißder Astronomie, in B. IV u. a. über die Ent-stehung des Menschen, dabei über die Bil-dung des Menschen im Mutterleib Kap. 15,Migne 172, 90; diese Stelle ist dann miteinigen Aenderungen in den deutschenLucidarius übergegangen, ed. Heidlauf,D. Texte des MA. Bd. 28, S. 29, 5-9;Karl Schorbach, Studien über d. deutscheVolksbuch Lucidarius, QF. 74, 164), über dieLebensalter (Kap. XXXVI, Migne Sp. 99), überdie sieben Künste (Kap. XLI, Migne Sp. 100 f.);vgl. Schönbach S. 483 f. In dem lat. Abrißder Geographie und der sieben Künste, derdem Wessobrunner Gebet vorangeht (s. LG. 1,139 f.), stehen am Schluß unter De chronicadie sieben Lebensalter in Verbindung mitden sieben Hören und verglichen mit demStand der Sonne.
5 ) Nach dem deutschen Lucidarius wird derMensch in 40 Tagen geschaffen, darum muß,wer einen Menschen erschlägt, 40 Tage sichreinigen (Heidlauf S. 29,9—11). Die Herein-ziehung des Mordes an dieser Stelle hat alsoin der Tradition ihre Begründung. Vgl. auchPolzer-van Kol S. 103 f.