68 A. Geistliche Literatur, b) Das Dogma.
oft nur durch gewaltsame und weither geholte Analogien —, denn die Zahlsieben ist eben der letzte Grund für diese Ideenverbindungen. Ausgegangenwird von den sieben Bitten des Vaterunsers, denn diese Siebenzahl ist diewürdigste in der christlichen Lehre und die Auslegung der petitiones desPaternosters gehört zu den notwendigen katechetischen Anforderungen. 1 )
Mit den sieben Bitten sind in Einklang gebracht die sieben Selig-preisungen (Matth. 5, 3—9), in umgekehrter Reihenfolge; sie gehören zumStand der Vollkommenheit auf Erden. Dann die sieben Gaben des heiligenGeistes(Jes. 11, 2 f.): sapientia, intellectus, consilium,fortitudo, scientia, pietas,timor Dei; in unserm Gedicht ebenfalls in umgekehrter Anordnung (wieAugustin): Gotes vorhte 7, 4; nach dem vrönem geböte (Frömmigkeit) 9, 4;verwizzenhait 11, 6; sterche 13, 5; rät 15, 1; vernunst 17, 9; wistuom 19, 3;sie sind Hilfsmittel des Geistes zur Erlangung der Vollkommenheit. Diesieben Siegel, d. i. Lebensstationen Christi, ebenfalls in umgekehrter Folge:Gericht 7,5; Himmelfahrt9,3; Auferstehung 11,4; Begräbnis 13,3; Kreuzigung15, 5 f.; Taufe 17, 5; Geburt 19, 11. Endlich werden symbolisch sieben Pa-triarchen, Vertreter des alten Testaments angeführt, als Beispiele für die betr.christlichen Eigenschaften, die in den sieben Bitten, Seligpreisungen, Gabenausgesprochen sind, ebenfalls in umgekehrter Chronologie: David7,9; Moses9, 10; Jakob 11, 9; Isaak 13, 9; Abraham 15, 9; Noe 17, 8; Adam 18, 10.Zu einem lat. Schema, das nach dem in der Hs. folgenden Gedicht vonder Siebenzahl steht, sind die Namen der fünf Siebenzahlen unseres Ge-dichtes, die auch größtenteils schon den betr. Strophen überschrieben sind,in sieben Zeilen der Reihenfolge nach, also als Inhaltsangabe, zusammen-gestellt. Auch die Anfangsworte der in den Strophen zitierten Bibelstellensind lat. an der betr. Stelle beigeschrieben. 2 )
Inhalt. I. Der Eingang des Gedichtes, Str. 1—5, bezieht sich auf das Verhältnis zwischenden Menschen und Gott und zwischen den Menschen unter sich: Str. 1 Die Weisheit Gottes,Christus, lehrt uns Liebe zu Gott und Gottesfurcht. Er ist Gott und Herr, er ist aber auchunser Vater, wir sind die Kinder. Str. 2 Er hat uns das Vaterunser gegeben, die siebenBitten. Sieben sind auch die Gaben des heiligen Geistes. Str. 3 Aufzählung der siebenGaben. Str. 4 Was ist Gottesfurcht? Str. 5 Da wir Kinder sind des Vaters, so sollen wirauch unsere Brüder lieben, so wie Christus uns geliebt hat [das sind die Grundlehrender christlichen Ethik, des praktischen Christentums: Gottesfurcht und Gottesliebe undLiebe zum Nächsten.] II. Der Hauptteil, Str. 6—19, ist regelmäßig schematisch geformt:je zwei dieser 14 Strophen bilden ein zusammengehöriges Paar, in der jeweils 1. Strophe wirdder Reihe nach von je einer der sieben Bitten gehandelt, in der 2. von einer der sieben Selig-preisungen, der sieben Gaben, der sieben Siegel (Ereignisse aus dem Leben Jesu, diesesind hier nur kurz angedeutet), und der symbolischen Bedeutung von sieben Patriarchen,in der vorhin angegebenen Reihenfolge (nur Adam steht in der ersten Strophe des betr.Paares). III. Im Schluß, Str. 20, wird nochmals die Bedeutung der sieben Bitten wieder-holt: die 3 ersten streben zur Vollkommenheit in der Trinität, die Hoffnung auf den Ge-richtstag, die 4 letzten geben den Trost für das Elend des Lebens. Die Endgedanken also
') Siehe LG. I Freisinger Paternoster und Weißenburger Katechismus.2 ) MSD. II', 261 f.