§ 11. Das Paternoster (Auslegung des Vaterunsers).
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u. EM S. XXXV—XXXVIII. — Bartsch, Germ. 9,64-66; Scherer, QF. 7.21.12,54; Rödiger,ZfdA. 33, 423; Kraus, ZföQ. 45 (1£94), 139—142.
Hss.: A. Universitätsbibl. zu Innsbruck (aus Kloster Stams) Nr. 652, Perg., 4°, Fragmenteverschiedenen Inhalts. Unser Gedicht (Bl. 72 a ) steht mit der Siebenzahl und mehreren lat.bezw. deutschen Rezepten (Bl. 76 b —79 b )') auf einer besonderen, einst selbständigen Lage undist im 12. Jh. geschrieben. Der Dialekt des Innsbrucker Textes ist bairisch. — B. Mil-stätter Hs. Bl. 164b—167b. Der Text ist hier stark beschädigt und hat viele Lücken, deshalbmuß A als Grundhs. gelten. Beide Hss. haben gemeinsame Fehler (MSD II 3 , 259).
Das Gedicht wird um 1135—1145 in Kärnten verfaßt worden sein.
Im Volksglauben wird gewissen Zahlen eine besondere Bedeutsamkeitbeigelegt. Eine solche „heilige" Zahl ist die Sieben. Im alten Testamentist sie eine typische Zahl und im Anschluß an die jüdische Tradition kommtsie in der Apokalypse Johannes zu reichlicher symbolischer Verwendung:sieben Gemeinden 1,4 u. ö.; sieben Geister vor dem Stuhl Gottes 1, 4. 4, 5;sieben Leuchter 1, 12 u. ö.; sieben Sterne 1, 16. 20; das Buch mit den siebenSiegeln 5, 1 ff.; das Lamm mit sieben Hörnern und sieben Augen 5, 6;sieben Engel 8, 2 ff., mit sieben Posaunen 8, 2. 10, 7; ferner: 10, 3. 4; 12,3; .13, 1; 15, 1. 8. 21, 9; 15, 7. 17, 1. 21, 9; 17, 9, 11. Das Christentum,dessen Gedanken in symbolische Form- gekleidet sind, nahm auch diesesymbolische Zahl auf und maßgebend war auch hier Augustinus: er brachteeine Anzahl von typologischen Siebenergruppen des neuen Testamentes mit-einander in Verbindung. Solche sind: die sieben Bitten des Vaterunsers, diesieben Gaben des heil. Geistes, die sieben Seligpreisungen (d. h. die achtwurden auf sieben beschränkt, der Übereinstimmung wegen), die siebenHauptsünden, denen gegenüber die sieben Haupttugenden traten; andereSiebenzahlen sind: die sieben Sakramente, die sieben Siegel, d. i. die siebenStationen des Lebens Jesu; die sieben letzten Worte Christi am Kreuz, diesieben Schmerzen Maria u. a. So war der Septennarius der numerus per-fectus, die vollkommene Zahl. Besonders nahm die Mystik seit Bernhardvon Clairvaux und Hugo von St. Victor diese Zahlensymbolik 2 ) auf. In derallegorischen Auslegung ist die Heptade, ein numerus mysticus, eines derhäufigsten Motive. Die Siebenzahl also gab reichlich Gelegenheit, verschieden-artige geistliche Lehrsätze analogisch miteinander zu verbinden, und einerausgesprochen symbolischen Literatur wie der der mhd. Frühzeit war diesesThema innerlich wesensverwandt.
Auch unser Gedicht ist ein Zeugnis solcher assoziativer Denkweise, diedem Inhalte nach fernliegende Vorstellungsreihen durch äußere Gleichheitder Zahlen in einen inneren Zusammenhang zu bringen sucht — allerdings
a ) J. V. Zingerle, Germ. 12, 463—469;Wilhelm, Denkm. d. Pr. Nr. XI u. XII, dasInnsbr. Arzneibuch u. d. Innsbr. Kräuterbuch.
2 ) Realencykl 3 18, 310 ff.; Kelle 2, 126 ff.165 ff. 326 ff. 362 ff.; MSD II», 261—265;Eucherius, Migne 50,770; Isidor, Migne 83,179—200; Beda, Migne, 90, 694; HrabanusMaurus, Matthäuskommentar (Migne 107, 817,
vgl. Kraus aaO.); Drogo (f 1138, Migne 166,1553—1558); Bernh v. Clairvaux (Migne 183,688 f. 1034. 184,574. 1114—1118); Hugo v.S. Victor bes. in dem Traktat De quinque Sep-tenis (Migne 175, 405—414, ferner ebda 176,114-116. 177, 371—373). Zöckler, Tugend-lehre d. Christentums S. 99 ff.
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