66 A. Geistliche Literatur, b) Das Dogma.
der Welt (4—56); die Handlungen, die zum Himmel führen,* an Beispielen;die wichtigste Tugend, die Mildtätigkeit, und die Buße (IIP, 1—Schluß).
Auch dieses Gedicht umspannt Zeit und Ewigkeit, aber welch ein Unter-schied zwischen dem Scopf und dem Gesang des Scholasticus Ezzo! Dieganze Weltgeschichte ist dort zum Jenseits bestimmt und errungen wirddieses durch die Flucht vor der Welt, der Spielmann aber steht fest aufdem Erdboden: der Mensch ist der Herr der Welt; in der Ehe entfaltet sichdie Sittlichkeit; die edeln Kinder, die ins Himmelreich, das Land des Adels(edilente 36) kommen, und die von ihnen abgesonderten der Magd sindfür den fahrenden Mann nicht bloß theologische Kategorien, sondern Standes-unterschiede der bitteren Wirklichkeit; die- Freigebigkeit {diu milte) ist fürihn die höchste Tugend, die ins Himmelreich führt, und sein Idealheiligerist St. Martin, der Ritter, der dem Gehrenden seinen Mantel schenkt.
Spielmännisch ist auch der Stil, mit einer gewissen Nachlässigkeit: Reimeund Sätze kehren oft wieder, 1 ) auch gleiche Reime hintereinander: vier Il a45—48, sogar fünf IIP 31—35; Reime guot: tuot bezw. muot kommen zehn-mal vor: II« 45 f. 46 f., IP 12 f. 18 f. 40 f. 44 f. 52 f., III« 10 f. 22 f. II« 9 f.,sehr häufig sind die Reime an:an, ät:ät. —• Im Satzbau herrscht Para-taxe, benachbarte Sätze sind oft von gleichem Bau, auch anaphorisch.Epitheta sind selten angewendet und ausdruckslos; von zweigliedrigen Ver-bindungen auch nur die allergewöhnlichsten: man unde wib IIP 36. IIP 32.33, wib oldir man 11° 4, arm oldir rih IIP 41, roubete unde brande IIP 9,frode unde wirtscaft III C 49, dazu das sonst seltenere eben unte gnuc IIP 49 ;*)im Stoff begründet sind die IIP 16—42 vorkommenden Doppelglieder. Über-gangsformeln: IP 45. IP 13. IIP 8. 59, auch III" 33. Zum Volkston paßt auchdie Vorliebe für bildliche Vergleiche: II- 48—50. II" 18-21. 48—57. IIP 48 f.IIP 19—28. Lateinisch ist dreimaliges sanctus in III C 52 und euuangelio IIP 4. 3 )Charakteristische Merkmale des germanisch-epischen Stiles treten nicht auf,es fehlen Synonyma und Alliteration.
Die Reime sind zum größten Teil rein, Assonanzen kommen fast nurbei klingendem Ausgang vor. 4 ) Die Verse sind im allgemeinen normal ge-baut, sie neigen eher zur Kürze als zur Länge.
Das Stück hat eine besondere literarische Bedeutung, weil es das ältestemhd. spielmännische Lehrgedicht ist. Geistliche und weltliche Fragen,die im Interessegebiet des Volkes liegen, werden laienverständlich behandeltund kehren zumeist in der späteren Lehr- und Spruchdichtung wieder.
§ 11. Das Paternoster (Auslegung des Vaterunsers).
Kelle 2, 128-131. 328—331; Piper, GD. 2, 90 f., Nachtr. S. 251—253. 283-285. —Ausg.: MSD. Nr. 43 u. II 3 , 256—265; zuerst von Mone, Anz. f. Kunde d. d. Vorz. 8 (1839),39—44 (Hs. A); Karajan, D. Sprach-Denkm. S. 67—70 (Hs. B); Waag, Kl. d. Ged. 2 S. 43—52
*) Martin S. 310. 3 ) Grünewald S. 26.
") Schröder, ZfdA. 41, 93. | *) Martin S. 310 f.