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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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ß4 A. Geistliche Literatur, b) Das Dogma.

guten Knechte, die Christus, ihrem Fahnenträger, folgen (die christlichenRitter (die ecclesia militans); sie werden empfangen von den Hausgenossendes Himmels (die ecclesia triumphans), Christus, der Kaiser aller Könige,ihr lieber Herr, richtet ihnen selbst das Mahl, setzt sie in die Bänke undreicht ihnen als Truchseß die Speisen und danach gibt er ihnen Gewandzur Kleidung 29883095; ferner die realistische Schilderung des Herren-mahles 981 ff., des Wohlstands der Reichen 2404 ff., des Eremitenlebens3130 ff. Aber doch ist der Stil 1 ) mehr rhetorisch als pathetisch, zu einerstarken, von innerer Empfindung getragenen oder von der Wucht großerGedanken eingegebenen Sprache erheben sich die Worte nicht, sie sprudelnihm leicht hervor, aber sie strömen nicht kräftig, hier herrscht Redefülleohne eigentliche Redekraft. Demgemäß zeichnet sich die stilistische Formaus durch viele Parallelausdrücke und -Sätze, Aufzählungen, Antithesen,durch formelhafte und öfters wiederkehrende Wendungen und Verse, lauterDehnungen des Inhalts durch Worte. Unmittelbar zu beobachten ist dieseVerbreiterung des Sprachstoffs an den aus dem Lateinischen übersetztenVersen: die vier Punkte im Artikel vom Vater sind in acht Zeilen gedehnt,jeder Punkt in zwei Zeilen (6774) ; 2 ) die zwei Begriffe in 487 f. verteilensich in der Übersetzung auf sechse (489494), vgl. ferner 11091114.14491460. 15441560.3)

Der Dichter 4 ) nennt sich 3737iharme Hartman". Er verstand Lateinisch,hatte sich mit der sapientia philosophorum (345), den sieben freien Künsten 5 )beschäftigtund besaß Kenntnisse in der Dogmatik, hatte also geistliche Bil-dung genossen. Die Art und Weise aber, wie er die Weltentsagung darstelltin Bildern aus der Legende und aus dem wirklichen Leben der Gegenwart,erweckt den Eindruck persönlicher Erfahrung. Wir glauben einen Mannsprechen zu hören, der selbst aus Weltleid Hab und Gut hergegeben, umim Kloster durch strenge Zucht und Entsagung die ewige Krone zu erringen.Da. paßt auch die Bezeichnung, die er sich selbst beilegt: nicht Priesternennt er sich, sondern denarmen" Hartmann, den^rmen büßenden Sünder.

') Scherer aaO.; Rödiger, Anz. 1, 67 f.;Scheins aaO.; Reissenberger S. 8ff.; v. d.Leyen S. 31 ff. 5674. 119158.

2 ) Man kann verfolgen, wie die 8'Versezustande gekommen sind. Credo in unumDeutn lieferte im Deutschen das Reimwortgot; dazu ergab sich als Reim gebot; patremomnipotentem ist wörtlich verdeutscht uateralemechtic; darauf reimt sich creftic; auf denhimel unde di erden = coeli et terrae reimtegwerden und zu der Uebersetzung von visi-bilium et invisibilium 'sichtic unde unsichtih'ergab sich der Pluralbegriff allir dinge gelich.

3 ) Das sind Beispiele für das allgemeinübliche mhd. Uebersetzungsprinzip, das ebenin meist überflüssiger Verbreiterung desfremden Originals besteht (s. unten beim Spiel-mannsstil). Der Dichter des Glaubens warübrigens geradezu gezwungen, den lat. Text

im Deutschen auseinanderzuziehen, denn dievier Punkte in 6163 z. B. konnte er garnicht in vier Reimverse bringen.

4 ) Ueberdie Person des Dichters s. Reissen-berger S. 1621; v. D. Leyen S. 4 ff.; KelleaaO. Diemer hielt ihn für den Sohn derAva, s. unten.

6 ) Philosophi sind die Gelehrten der Sep-tem artes (s. oben S. 5), hier die wisengenannt (321. 347. 391. 409). Sie treiben dieWissenschaft, die vergängliche weltliche Weis-heit, durh werltlich ere 420. Der Dichterrechnet sich zu den tumben und zu denen,die sich der unvergänglichen Weisheit vonChristus hingeben. Auch in der dem Wesso-brunner Gebet vorhergehenden Abhandl. wirdnach der Erörterung der Septem artes derUnterschied zwischen dem weltlichen undgöttlichen Wissen gemacht (LG. 1, 140).