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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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, § 8. Das Anegenge. 61

Erkenntnisdrang Grenzen gesteckt: es ist unmöglich, ja schädlich, die Tiefedes Wunderbaren zu ergründen (1, 6 ff. 4, 50 ff. 5, 3 ff.), darum soll mansich hüten, zu tief zu grübeln, 1 ) d. h. in selbständigem Nachdenken überdie Autoritäten hinweg auf den Grund dringen zu wollen (1, 372, 19.11,5659).

Offenbar hat der Verfasser von vornherein seinen Plan 2 ) nicht genauüberschlagen, denn er erzählt die Geschichte von den Nachkommen Adamsund von Noe so ausführlich, daß er plötzlich abbricht, weil die Rede zulang werden könnte (28, 3 ff). Andrerseits eilt er so rasch zu Ende, daß erzu einer Schilderung der letzten Dinge, der Seligkeit und der Verdammnis,die den notwendigen Abschluß der Heilsgeschichte bilden, gar nicht kommtund für das Schlußgebet nur einige dürftige Worte hat. Er beherrscht denStoff nicht recht, daher mehrmalige Wiederholungen, die sich nicht ganzentsprechen: so die Schöpfung des Himmels, der Erde und der Menschen2, 40 ff. 3, 35ff. (vgl. 14, 18 ff.). 6, 5 ff.; die Erschaffung der Engel 3, 43 ff.u. 3, 79 ff. (s. auch 2, 78 ff.); die Anordnung der fünf Punkte des Programmsin 11, 60 ff. ist nicht folgerichtig: zuerst die Erlösung und dann der Sünden-fall (11, 6064 gegen 11, 65 f.), die dazu gehörenden Erläuterungen von12, 1 ff. stimmen nicht zu den fünf Punkten der Disposition; der Sünden-fall 16, 20 ff. 33, 27 ff. 35, 1 ff.; Sendung des Gottmenschen 28, 28 ff.36, 52 ff.

Der Verfasser ist ein völlig unselbständiger Denker, dem es Schwierig-keiten machte, die begrifflichen Probleme klar zu fassen. Er hat alles ausBüchern und von seinen Lehrern. In vielen Zitaten bekräftigt er die Wahr-heit seiner Darlegungen: er schöpft aus der Bibel (daz buoch 3, 53. 16, 17.26, 17. 33, 9; diu schüft 20, 11. 21, 21. 25, 36, vgl. 22, 40 f.; diu alte e1, 40. 44; einzelne Bücher: 11, 16. 26, 52 f. 27, 7078. 30, 73. 32, 21 ff.;der buochstap, buochstabe, die buochstabe der Wortlaut der heil. Schrift15, 77. 21, 24. 25. 66. 32, 23); er beruft sich ferner auf Augustin 4, 28,Gregorius d. Großen 27, 13; auf unbestimmte nicht biblische Bücher (8, 9.10, 30. 12, 18 [u. vielleicht 12, 22]. 21, 22); auf einen Predigttext {letze,lectiö) 23, 52; auf gelehrte Theologen 8, 16. 16, 4; auf seinen Lehrer 16, 47;"auf ein Lehrbuch 27, 46 f. und wohl auch 27, 38. Hauptquelle 3 ) aber istfür ihn Hugo von St. Victor und zwar dessen systematisches, Grundwerk DeSacramentis, weniger dessen Summa Sententiarum. Beeinflußt von diesenLehrgebäuden und aus ihnen schöpfend hat der deutsche Verfasser seinegereimte Summa Theologiae zusammengestellt, auch die Methode mit denFragen und Einwänden konnte er dort vorgefunden haben. Darauf ebenberuht die eigenartige Stellung, die das Anegenge in der mhd. Literaturdes 11./12. Jhs. einnimmt, daß es in umfassender Weise und mit scholas-

') Eine in Predigten und Abhandlungen I 2 ) Komposition s. Schröder S. 7784.häufige Warnung: s. Schröder S. 26 f. 59 f 3 ) Schröder S. 3968; Kelle S. 143 ff.

Kelle S. 150f. 352 f. 337 ff.; Teuber aaO.