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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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A. Geistliche Literatur, b) Das Dogma.

zuweisen 1 ) und so findet sich für die Abfassungszeit des Gedichtes auchkein bestimmter Anhaltspunkt. In den ersten Jahrzehnten des 12. Jhs., etwaum 112030, wird es entstanden sein. Dazu paßt auch die Sprache derReime. Von der Mystik Hugos von St. Victor 2 ) oder Bernhards von Clair-vaux ist es nicht beeinflußt. Dazu fehlt schon die schwärmerische Gemüts-tiefe. Das mystische Motiv von der Seele als Braut Gottes ist zu einemallgemein geläufigen Bild geworden, und gerade an unserer Stelle (27, 1 ff.)ist nicht von der innigen Vereinigung des Menschen mit Gott die Rede,sondern von dem Dualismus von Seele und Leib und von den bösenWerken des Fleisches. Sele in 2, 2. 9 ist nicht die mystische Seele, sonderndie des psychologischen Systems. Näher kommt dem Ziele der Mystik,dem Einswerden mit Gott, die Geleitung der Liebe zur Gotterkenntnis inStr. 18. Aber dieses Empfindungsmoment kommt nicht zur Geltung, eswird verdrängt durch die Reflexion, die zu der Allegorie von der knech-tischen Furcht und der kindlichen Hoffnung ableitet. Gerade hier zeigtsich die Unfähigkeit des Dichters zum Sichversenken in das mystische Ge-mütsleben, denn er handelt nicht davon, Gott mit dem Gefühl zu erfassen,sondern ihn interessiert der Gegensatz von Furcht und Liebe (Hoffnung)nach l.Joh. 4,18. Der Verfasser hat übrigens hier seine Vorlage gar nichtverstanden, die Stelle ist durch Zusammenschweißung verschiedener Motiveganz verworren.

Stil. Die Summa Theologiae ist der Gattung nach ein Lehrgedicht.Hier liegt schon der Wesensunterschied gegenüber Ezzos Gesang, der vielmehr den Charakter eines Hymnus trägt. Beide Gedichte haben eine ver-schiedene Grundstimmung. Das Ezzolied will erheben, begeistern (movere),die Summa Theologiae will belehren (docere) wie ein theologischer Traktat.Dort ist die Darstellung anschaulich und lebensvoll, stellenweise dramatischgesteigert; hier gedankenreich und schwefverständlich, in ebenmäßigemVerlauf einer Abhandlung bezw. Erzählung ohne poetischen Schwung, nuram Ende etwas gehoben.

Indes ist die Auffassungsart der Dinge keineswegs ins Abstrakte ver-flüchtigt, man kann zweierlei Partien unterscheiden, abhandelnde und er-zählende. Der erste Teil (Str. 14, 6) bespricht Glaubenssätze, der zweite(Str. 4, 712) erzählt Schöpfung und Sündenfall, der dritte (Stf. 12 b17)ist gemischt, erzählend und abhandelnd. Der vierte Teil (Str. 1830) istmeist abhandelnd. Erkenntlich sind die beiden Darstellungsarten auch äußer-lich an dem verschiedenen Gebrauch der Tempora, des Präsens oder desPräteritums. Auch hier, wie im Ezzolied, sind die Ideen großenteils in

') Ueber Anklänge an Anselm von Canter-bury s. Scherer, QF. 7, 55 f. 12,34. Die inMSD. II 3 , 202 zu Str. 1, 58 gegebenen Be-lege aus Anselm und Abälard gehen aufScotus Eriugena zurück.

2 ) Die Stellen, die Kelle S. 137 f. 139 u.

Anm. speziell mit Hugo von St. Victor inBeziehung bringt, haben eine weitere Ver-breitung. Ueber mystischen Gehalt indem Gedicht Scherer, MSD. II 3 , 221 f., QF.7, 54 f. 12, 34.